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Warum erlebt Frankreich im Vergleich zu Deutschland eine Industriekrise?

28. November 2011

Das französische Wirtschaftsinstitut Coe-Rexecode legt vierteljährlich dem französischen Minister für Wirtschaft, Finanzen und Industrie einen ausführlichen Bericht über die Entwicklungen der letzten Monate in Frankreich vor. In einem Bericht, der 2011 veröffentlicht worden ist, wurde der Grund dafür untersucht, warum es in den letzten Jahren Unterschiede in der Konjunkturentwicklung zwischen Deutschland und Frankreich gegeben hat.

Unterschiedliches Krisenmanagement

In den Krisenjahren 2009-2010 wurden sowohl in Deutschland als auch in Frankreich zahlreiche Stellen in der Industrie abgebaut. Im Gegensatz zu Deutschland hat Frankreich aber auch jetzt noch große Probleme damit, Neueinstellungen voranzutreiben. Diese Tendenz könnte sich noch verfestigen, wenn die Schuldenkrise weiter dazu führt, dass die Unternehmen immer weniger Kredite erhalten.

Während die deutsche Industrie nach Einschätzung von Gilles Koleda, dem Direktor von Coe-Rexecode, alles daran setzt neue Arbeitsplätze zu schaffen, gelingt es Frankreich gerade so, den Abbau weiterer Stellen zu unterbinden. Das Institut betont in seinem letzten Quartalsbericht, der am 4. Oktober 2011 erschienen ist, dass Frankreich im Vergleich zu Deutschland hinterherhinkt, wenn es um das Schaffen neuer Arbeitsplätze in der Industrie geht.

Gilles Koleda betont in seinen Erläuterungen, dass sich zwar keine Rezession abzeichnet, aber doch eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. Konkret heißt das, dass in Frankreich der Abwärtstrend auch 2012 anhalten könnte. Den Untersuchungen des Instituts zufolge, könnte die Situation auf dem Arbeitsmarkt in der Industrie ähnlich den Verhältnissen in 2008 werden. Am bedrohlichsten ist dabei das Herunterfahren von Krediten für Unternehmen, was die Geschäftsfähigkeit der Unternehmen herabsetzen würde. Wie bereits in der vorigen Krise, ist Deutschland dank einer flexibleren Politik besser gewappnet als Frankreich, wenn es um den Erhalt von Arbeitsplätzen geht.

Flexible Politik als Lösung

Nach Meinung des Instituts ist der Unterschied zwischen den beiden Ländern sehr einfach zu erklären. Die Vereinbarungen mit Unternehmen bauen in Deutschland auf den drei Säulen Arbeitsplatz, Wochenarbeitszeit und Gehalt auf. In Frankreich bleiben durch die einheitliche Festlegung auf die 35-Stunden-Woche nur noch zwei Komponenten, in denen flexibel verhandelt werden kann. Der Handlungsspielraum ist also deutlich geringer. In diesem Unterschied liegt der Vorteil Deutschlands, der dazu geführt hat, dass schon viel früher die Wirtschaftsaktivitäten wieder angekurbelt werden konnten und so schnell auf die erneut steigende Nachfrage 2010 reagiert werden konnte.

Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Frankreichs im Vergleich

Bereits der Bericht von Coe-Rexecode vom Januar 2011 hat die Frage gestellt, was die Gründe dafür sind, dass Frankreich in puncto Wettbewerbsfähigkeit hinter Deutschland zurücksteht. In dem Bericht werden neben der Analyse der aktuellen Situation auch einige Lösungsvorschläge präsentiert.

Einer der zentralen Gründe für Frankreichs Situation ist laut des Berichts der Verlust der niedrigeren Preise, welche Frankreich bisher im Wirtschaftswettbewerb stets einen Vorteil verschafft hatten. Inzwischen ist es so, dass die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Preise oft sogar besser ist, als die der französischen.

Die verantwortliche Größe für diesen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit ist laut Coe-Rexecode schnell benannt: die Höhe der Lohnkosten. Die durchschnittlichen Kosten für eine Arbeitsstunde in der Industrie sind in Frankreich sehr viel schneller gestiegen, als es in Deutschland der Fall war. Der Unterschied in der Entwicklung zwischen den beiden Ländern lag zwischen 2000 und 2007 bei 13%, laut den Angaben des Berichts. Seitdem ist der Abstand zwar durch die Rezession geringer geworden, aber ist dafür umso deutlicher spürbar.

Laut der Studie von Coe-Rexecode liegt der Grund dafür in verschiedenen Ansätzen in der Politik. Deutschland führt eine Politik, die auf eine Wettbewerbsfähigkeit auf lange Sicht ausgerichtet ist: Defizite gering halten, in Forschung investieren, strukturelle Reformen des Arbeitsmarktes und dauerhafte Lohnmäßigung.

Beschäftigungspolitik

Währenddessen hätte auf der französischen Seite die Verringerung der Wochenarbeitszeit zu einem Anstieg der Lohnkosten und der Produktionskosten geführt und gleichzeitig den Handlungsspielraum der Industriellen herabgesetzt. Diese Aussage sollte ein erneutes Infragestellen der 35-Stunden-Woche zur Folge haben, vor allem weil es Deutschland gelungen ist, nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die Beschäftigungsverhältnisse wiederzubeleben.

Deutschland scheint in allen Bereichen zu gewinnen. Deutschland ist die industrielle Lokomotive in Europa und während des (wenn auch leichten) Aufschwungs hat man es geschafft, sogar den Anstieg der Arbeitslosenzahlen zu stoppen.

Die Konjunkturführung auf dem Arbeitsmarkt hat sich in Deutschland mehr bewährt als in Frankreich. Außerdem verfügten die deutschen Unternehmen über mehr wichtige Finanzressourcen und konnten so mehr Arbeitsplätze sichern. So kommt es, dass nach der Krise die Arbeitslosenquote in Deutschland niedriger ist als in Frankreich, 2003 war es noch umgekehrt.

Pakt zur Wettbewerbsfähigkeit

Das alles zeigt, dass Frankreich in diesem Bereich im deutsch-französischen Vergleich schlechter dasteht als Deutschland. Seit der Finanzkrise hat sich aber auch in Frankreich ein neues Bewusstsein herausgebildet, das wichtige politische Maßnahmen nach sich gezogen hat: Diese Maßnahmen werden aber erst in 5-10 Jahren wirkliche Auswirkungen auf die Industrie haben, so die Studie von Coe-Rexecode.

Es braucht also mehr als politische Maßnahmen. Coe-Rexecode schlägt einen Pakt zur Wettbewerbsfähigkeit vor, der die öffentlichen Stellen sowie die gewerkschaftlichen und beruflichen Organisationen auf fünf Hauptachsen zusammenfasst (s.u.), um so nicht noch mehr an Boden zu verlieren:

  1. Die Wettbewerbsfähigkeit zwingend bei allen Steuerreformen berücksichtigen.
  2. Die Fähigkeit der Zusammenarbeit verbessern, um den Unternehmen zu ermöglichen, Verhandlungen in den drei Bereichen Gehalt, Wochenarbeitszeit und Arbeitsplatz zu führen.
  3. Dem Arbeitsverhältnis mehr Gewicht einräumen in Fragen der Konjunkturführung.
  4. Im Bereich der Ausbildung und Forschung einen Fokus auf die Verbindung Forschung und Industrie legen.
  5. Schnelle Maßnahmen umsetzen, die die Industriekosten korrigieren.