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Als französischer Azubi über den Rhein

Nach und nach wachsen Initiativen, um den Austausch bei der beruflichen Bildung zu fördern - ein deutsch-französischer Berufsbildungstag der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer in Paris zeigte Perspektiven auf. TEXT: BIRGIT HOLZER

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Einen Vorteil hatte Tiffany Fouya bei der Entscheidung für ihren Ausbildungsweg: Sie wusste genau, was sie wollte. Trotzdem war die Suche intensiv. „Nach einem berufsbildenden Abschluss mit Spezialisierung auf das Hotelgewerbe war es mir wichtig, noch ein drittes Ausbildungsjahr anzuhängen, mit Praxiserfahrung und am besten auf deutsch-französischer Ebene." Viele Angebote fand die 23-jährige Französin nicht - bis sie auf eine grenzüberschreitende Berufsausbildung stieß, die die Industrie- und Handelskammer (CCI) von Straßburg und dem Niederrhein mit Unterstützung des Regionalrates des Elsasses neu geschaffen hat. Junge Leute auf beiden Seiten des Rheins können dabei einen berufsbildenden Abschluss mit Theorieteil im eigenen und Praxisteil im jeweils anderen Land absolvieren. Je nach Ausbildungsniveau gibt es Kooperationen im Eurodistrikt Straßburg-Ortenau oder zwischen dem Elsass und Baden-Württemberg.


Berufliche Bildung als zweite Wahl?


Seit Oktober gehört Tiffany Fouya zum ersten Jahrgang und macht einen Bachelor in Tourismus, Hotel- und Gastgewerbe, kombiniert mit einer Ausbildung im Familienhotel „Pflug" in Oberkirch bei Offenburg. Als Assistentin des Hoteldirektors arbeitet sie an der Rezeption, übersetzt Dokumente und soll einen Kundenstamm in Frankreich aufbauen. „Ich kann meine Sprachkenntnisse verbessern, lerne andere Arbeitsweisen kennen und gut für den Lebenslauf ist die Erfahrung sowieso", fasst die junge Frau die Pluspunkte zusammen. „Für die Jobsuche später mache ich mir keine Sorgen."


Das unterscheidet sie von vielen ihrer Landsleute, die nach ihrem Abschluss oft nur prekäre befristete Verträge erhalten - wenn überhaupt. Die Arbeitslosigkeit der unter 25-Jährigen liegt in Frankreich mit fast 26 % mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine, während Deutschland und Österreich zu den wenigen Ländern zählen, wo es einen solch eklatanten Unterschied nicht gibt. Auch dank des dualen Ausbildungssystems, durch das junge Leute früh in die Arbeitswelt einsteigen, praxisnah ausgebildet werden und sich Karrierechancen bewahren, während der beruflichen Bildung in Frankreich das schlechte Image der zweiten Wahl anhaftet.


Über deren Bedeutung für Beschäftigungssicherung und Wettbewerbsfähigkeit diskutierten bei einem von der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer (AHK) Ende März in Paris veranstalteten Berufsbildungstag Experten aus Politik, Wirtschaft, Kammern und berufsbildenden Institutionen beider Länder. Mit dem klaren Ergebnis, dass Kooperationen verstärkt und seitens der Politik administrative Hürden abgebaut werden sollten. „Am kompliziertesten war beim Umzug der Papierkram, wie bei der Krankenversicherung", bestätigt Tiffany Fouya.


Einige Strukturen sind bereits vorhanden. So profitieren jährlich mehr als 11 000 junge Deutsche und Franzosen vom Programm „pro mobil" des Deutsch-Französischen Jugendwerks, das berufliche Aufenthalte im Nachbarland fördert. In Grenzregionen bietet die Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer (AHK) eine kaufmännische Fortbildung mit Seminaren in Paris und Düsseldorf an, das Baden-Württemberg-Stipendium für berufliche Auslandsaufenthalte oder das Programm der IHK Karlsruhe im Rahmen der Initiative „The Job of my Life" mit Sprachkursen und Praktika für französische Jugendliche für eine Ausbildung in Deutschland. Auch Unternehmen können aktiv werden: So erhielt das Michelin-Reifenwerk in Karlsruhe den Deutsch-Französischen Wirtschaftspreis der AHK in der Kategorie „Personalmanagement" für die Partnerschaft mit einer Schule im elsässischen Seltz, deren Schüler zu Informationstagen, Praktika und Bewerbungshilfen eingeladen werden. Seit einigen Monaten arbeitet der erste französische Azubi in dualer Ausbildung in Karlsruhe.


Doch die Zahl der Initiativen erscheint ausbaufähig gerade vor dem Hintergrund hoher Jugendarbeitslosigkeit links bei gleichzeitig zunehmendem Fachkräftemangel rechts des Rheins. Wenn es auch nicht darum gehen könne, Deutschlands demografische Probleme mit Hilfe junger Arbeitnehmer aus ganz Europa zu lösen, so Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin des Saarlandes und Bevollmächtigte der Bundesregierung für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit. „Sondern wir müssen ihnen eine Perspektive in ihrer Region geben." Als Beispiele dafür, wie grenznahe Regionen dieses Potenzial nutzen können, nannte sie einen neuen deutsch-französischen Ausbildungsgang mit Schwerpunkt Kfz-Technik oder die Zusammenarbeit bei sozialen Berufen.


Zu Wort kamen auch die Betroffenen selbst, wie Satican Dertli vom Lycée Les Arcades in Dijon. Im Rahmen ihrer Ausbildung im internationalen Handel absolvierte die 19-Jährige ein zweimonatiges Praktikum beim Weinhändler „Der Franzose" in Bochum. Sie habe dort viel gelernt, weil man sie voll in den Geschäftsalltag integrierte, erzählt sie. Die Kunden erlebte sie als sehr offen. „Wenn man in Deutschland einem Weinliebhaber sagt, dass man aus Frankreich, sogar aus dem Burgund kommt, vertraut er einem blind!" Die junge Französin hat auch schon das nächste Ziel vor Augen: Eine duale Ausbildung bei einer Handelsschule in Düsseldorf. „Manchmal muss man einfach springen, um weiterzukommen." Wobei noch etwas mehr Angebote, finanzielle und administrative Hilfen den Sprung erleichtern würden.


TEXT: BIRGIT HOLZER