Connexion-Emploi

Die führende deutsch-französische Jobbörse

Wir brauchen dringend ausgebildete Zuwanderer

Reiner Klingholz, 56, ist Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und Autor der Studie, "Ungleiche Nachbarn". INTERVIEW: STEPHANIE PICHON



ParisBerlin_logoParisBerlin (http://www.parisberlin.fr) est le seul newsmagazine qui vous informe chaque mois sur l'actualité franco-allemande dans les domaines suivants : politique, économie, mode de vie, culture, éducation, médias.




In Deutschland gehen die Geburtenzahlen zurück und die Zahl potentieller Eltern nimmt stetig ab. Welche Folgen hat dieser Alterungsprozess?


Der Rückgang der Bevölkerungszahl wird sich weiter beschleunigen. Wie es aussieht, dürften bis 2050 rund 14 Millionen Menschen weniger in Deutschland leben als heute. Wir werden etwa ein Drittel der nach heutiger Definition erwerbsfähigen Bevölkerung verlieren, in Ostdeutschland sogar die Hälfte. Damit wird die Wirtschaftsleistung sinken, zumal wir sehr viel mehr Geld für die Versorgung der Menschen aufwenden müssen, die schon in Rente sind und irgendwann als Kranke versorgt werden müssen.


Wie kann man diesen Trend stoppen?


Stoppen lässt er sich nicht, nur abmildern. Selbst wenn die Deutschen wieder deutlich mehr Kinder bekämen, würde die Bevölkerungszahl weiter sinken und die Alterung weiter voranschreiten. Wir können uns nur so gut es geht anpassen: Durch eine bessere Familienpolitik, ein späteres Renteneintrittsalter, durch eine höhere Erwerbsquote von Frauen. Wichtig ist vor allem Bildung. Wenn wir künftig immer weniger junge Menschen haben, müssen sie mehr leisten können und produktiver werden, das geht nur über eine hohe Qualifi kation.


Lässt sich das Problem durch Zuwanderung lösen?


Nein, um das Problem zu lösen, müssten viel zu viele Menschen zuwandern. Das verhindert derzeit die Zuwanderungspolitik, zudem würde die Gesellschaft diese hohen Zahlen nicht verkraften. Zuwanderung von gut ausgebildeten jungen Menschen ist jedoch eine Möglichkeit, sich an den demografi schen Wandel anzupassen. Wir brauchen diese Menschen dringend für unsere Unternehmen. Ohne Zuwanderung wäre der Bevölkerungsrückgang noch stärker.


Wie wichtig ist die demographische Entwicklung beider Länder für Europas Zukunft?


Deutschland ist heute das einwohnerstärkste Land Europas. Bis 2050 werden Großbritannien und Frankreich Deutschland abgelöst haben. Aber auch in Frankreich altert die Bevölkerung, und die Menschen weigern sich länger zu arbeiten. Die Krise der Sozialsysteme ist daher genauso absehbar wie in Deutschland. Insgesamt ist Europas Zukunft von Alterung und Bevölkerungsrückgang geprägt, während fast alle anderen Weltregionen deutlich jünger sind und noch wachsen. Über kurz oder lang, werden sie jedoch alle den gleichen demografischen Weg gehen wie Europa. Wir sind die Pioniere im globalen demografischen Wandel. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Konzepte für ein Wohlergehen der Gesellschaft ohne Wachstum entwickeln.


INTERVIEW: STEPHANIE PICHON