Connexion-Emploi

Die führende deutsch-französische Jobbörse

Kritik an Kinderbetreuung in Deutschland

Laut unserer Umfrage bevorzugen Frauen im deutsch-französischen Raum das französische System. Sie wollen sich nicht zwischen Familie und Karriere entscheiden müssen.

Was für ein Erfolg! Unsere Umfrage (September 2011: deutsch-französische Frauen) ist bei unseren Leserinnen auf großes Interesse gestoßen, 820 von Ihnen haben sich an der Fragebogenaktion beteiligt. Sie haben nicht nur genau auf unsere Fragen geantwortet, Sie haben uns auch Ihre Skepsis anvertraut. Viele, oft sehr beeindruckende Aussagen, haben uns erreicht. Ein großes Dankeschön an alle Teilnehmerinnen.

Unsere Leserinnen sind junge Hochschulabsolventinnen

Zunächst die Zahlen: unsere Leserinnen sind im Allgemeinen jung oder im mittleren Alter, 50% sind jünger als 35 Jahre, 32% sind zwischen 36 und 45 Jahren alt. Insgesamt haben 88% der befragten Frauen mindestens einen Abschluss und davon haben 58% einen Hochschulabschluss, sind verheiratetet oder leben in einer Partnerschaft. In unserer Umfrage sind 60% der Frauen Mütter. Unter den kinderlosen Frauen wünschen sich 51% 2 Kinder und 14% planen keine Kinder. Mehr als 60% der befragten Frauen arbeiten Vollzeit.

Das deutsche System ist "weniger sexistisch" aber "patriarchalischer"

Die Aussagen der Frauen unterstreichen die bestehenden Klischees: Trotz der vielen Bemühungen, die in Deutschland in den letzten Jahren unternommen worden sind, um Frauen zu ermöglichen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, ist die überwiegende Mehrheit der befragten Frauen der Meinung, dass das französische System besser ist.

Diejenigen, die zwischen beiden Systemen vergleichen konnten, gaben an, dass das Steuersystem für Familien mit Kindern und die Strukturen für die Kinderbetreuung in Frankreich viel besser ausgebaut sind. Zudem sind 50,1% der Meinung, dass Frauen in Frankreich leichter einen Zugang zu verantwortungsvollen Positionen bekommen (gegenüber 28,6% in Deutschland). Das gilt auch für das Betriebsklima, das in Frankreich familienfreundlicher ist (54% gegenüber 23% in Deutschland).

Die Stärken von Deutschland? Die Verurteilung von sexistischem Verhalten (Frauen 46% auf Volksabstimmung in Deutschland, gegenüber 21,5% in Frankreich), Unterstützung von Frauen während Schwangerschaft und Geburt (46%), die Repräsentation von Frauen in der Politik (58%), die Umwelt für Kinder (54%) und Vaterschaftsurlaub (56%). Deutschland ist also in einer paradoxen Situation: Das Land ist zugleich weniger sexistisch und wird - laut der befragten Frauen - als "konservativer" und "patriarchaler" (weniger frauenfreundlich) beurteilt. Man berührt hier eine sehr delikate kulturelle Frage, die viele Reaktionen hervorruft. Die genaue Analyse zeigt, dass die Mentalitäten in diesem Bereich ohne Zweifel dabei sind sich zu entwickeln.

Die Rabenmutter gibt es immer noch

Die befragten Frauen sind fast einstimmig der Meinung, dass es in Deutschland "unmöglich" ist, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. Interessant ist, dass das materielle Argument, dass viel häufiger als größtes Problem genannt wird (nicht ausreichende Möglichkeiten der Kinderbetreuung), vor dem sozialen Druck, durch die Berufstätigkeit eine "Rabenmutter" zu sein. Die Reformen, die unter Ursula von der Leyen eingeführt worden sind (Erhöhung der Kindergartenplätze, Elterngeld) werden als nicht ausreichend angesehen, aber allgemein positiv bewertet (fast 75%). Einige der befragten Personen erwähnten das Beispiel in bestimmten Städten, wo der private Sektor die Aufgabe der öffentlichen Hand übernimmt: in München trifft die explosionsartig gestiegene Nachfrage nach Kinderbetreuung auf teure private Betreuungsangebote, die nur denjenigen mit einem hohen Einkommen vorbehalten sind. Eine Folge davon ist, dass deutsche Frauen mit Hochschulabschluss eher auf Kinder verzichten, wenn sie Karriere machen wollen.

Deutschland hat keine Wahl, wenn es den Anschluss nicht verlieren möchte

Werden die Veränderungen in Deutschland französische Frauen mit Hochschulabschluss davon überzeugen in Deutschland zu bleiben, auch nach der Geburt eines Kindes? Einige der befragten Französinnen haben angegeben genau aus diesem Grund Deutschland verlassen zu haben. Doch in Zeiten des stetigen Bevölkerungsrückgangs kann es sich Deutschland nicht länger leisten, auf Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verzichten oder, dass gut ausgebildete Menschen aus anderen Ländern das Land verlassen, die die deutsche Kultur und die Arbeitsbedingungen gewohnt sind.

Hier stellt sich schließlich die Frage nach dem Grad der Freiheit, der Frauen eingeräumt werden muss, sich frei zu entscheiden: einige Deutsche glauben, dass in Frankreich die Lebensqualität für Frauen manchmal unzureichend ist. Und dass sozialer Druck auf diejenigen ausgeübt wird, die sich dafür entscheiden, ihre Kinder großzuziehen oder länger zu stillen. Wie auch immer, schätzt eine der befragten Frauen, die in beiden Ländern gelebt hat: "Deutschland und Frankreich sind immer noch weit vom dem skandinavischen Modell entfernt."