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Frankreich: Elite beginnt im Kindergarten

8 novembre 2011



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Elite, ein- und dasselbe Wort im Deutschen und im Französischen, besitzt in beiden Ländern eine unterschiedliche Konnotation. Während französische Schüler angehalten werden, sich weit oben in der Klassen-Rangliste einzusortieren und später eine elitäre Einrichtung zu besuchen, sehen Deutsche diesen Begriff oft negativ. Zwar verbinden auch sie ihn immer mehr mit Leistung und selbst erarbeitetem Erfolg. Doch die Abschottung einer Überschicht von der übrigen Gesellschaft wird nach wie vor kritisch bewertet, auch weil sie lange Zeit Erinnerungen an den Herrenmenschen-Kult im Dritten Reich weckte. Kaderschmieden als Wegbereiter für brillante Karrieren haben in Deutschland keine Tradition wie in England (Cambridge, Oxford), den USA (Yale, Harvard) oder Frankreich mit seinen Grandes Écoles wie der ENA (École Nationale d'Administration) oder dem Institut für politische Wissenschaften Sciences Po. „Deutschland braucht Eliten": Mit dieser Forderung brachte vor gut zehn Jahren Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Debatte in Gang.


Exzellenzcluster für mehr Wettbewerbsfähigkeit


2005 starteten das Bildungs- und Forschungsministerium und die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine Exzellenzinitiative zur Förderung sogenannter Exzellenzcluster, Graduiertenkollegs und ausgewählter Universitäten. Die Maßnahmen sollen für mehr internationale Wettbewerbsfähigkeit und eine breitere Exzellenz-Ausbildung sorgen. Beides war auch das Ziel von Präsident Nicolas Sarkozy, als er 2010 einen beträchtlichen Anteil der „Großen Staatsanleihe" von insgesamt 35 Milliarden Euro für Forschung und Hochschulbildung vorsah. Man lässt sich seine Elite etwas kosten. Unumstritten ist das nicht; bleibt die Masse doch noch weiter zurück. Die französischen Elitehochschulen, die 5 % jedes Jahrgangs den Weg ebnen zu Spitzenjobs in Wirtschaft und Staat, folgen dem republikanischen Prinzip der Gleichheit - und auch wieder nicht.


Theoretisch sind sie allen zugänglich, die die harten Vorbereitungskurse durchstehen, auch ohne dickes Finanzpolster. Doch in der Praxis werden zumeist Kinder der oberen Gesellschaftsschicht aufgenommen. Die schulische Elite ist auch eine soziale. Die Soziologin Monique Dagnaud nennt Frankreich das „einzige Land, in dem man noch seine Diplome aufzählt, wenn man das Rentenalter erreicht". Der Abschluss einer Grande École sei wie eine Standeserhebung in Zeiten des Ancien Régimes. Die obere Kaste ist bestens vernetzt und sehr solidarisch - untereinander. Da die Führungselite meist selbst in diesem System ausgebildet wurde, mahnt sie kaum eine Reform an.


Quotenregelungen für sozial benachteiligte Stipendiaten


Dabei beklagen Wissenschaftler seit Jahren nicht nur fehlende Chancengleichheit, sondern auch verlorenes Potenzial für die Institute. Unter Sarkozy, selbst kein Absolvent einer Elitehochschule, sollten sich die Einrichtungen freiwillig verpflichten, mindestens 30 % der begehrten Studienplätze für sozial benachteiligte Stipendiaten zu reservieren. Dagegen wehrte sich die Konferenz der Grandes Écoles, weil eine Aufweichung der Zulassungsbedingungen das Niveau senken würde und Diskriminierung viel früher begänne. Der Think Tank „Terra Nova" sieht in der positiven Diskriminierung nur eine „statistische Korrektur, ohne das Grundproblem zu behandeln", nämlich das frühzeitige Aussortieren von Kindern, die aus bildungsfernen Schichten kommen.


Der Weg in die Grande École wird meist schon mit dem Besuch renommierter Schulen und der Wahl des Klassenzweigs geebnet. Das Buch Der republikanische Elitismus kritisiert die französische Kultur der Ranglisten. Auch in Deutschland zeigen Studien einen engen Zusammenhang zwischen den Einkommensverhältnissen und dem Ausbildungsniveau der Eltern und dem schulischen Erfolg der Kinder. Elite oder nicht - das entscheidet sich hier wie dort meist schon im Kindesalter.


TEXT: BIRGIT HOLZER