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Wofür Franzosen und Deutsche Sprachen lernen

Laut aktueller Statistik lernen französische Schüler durchschnittlich 1,7 Fremdsprachen, deutsche nur 0,9 (eurostat 2009). Auf der anderen Seite sagen in Frankreich 41,2 % der Erwachsenen, sie würden keine Fremdsprache beherrschen, in Deutschland nur 28,6 % (eurostat 2007). Lernen die Franzosen ihre Sprachen nur für die Schule? TEXT: ULRICH SCHÖNLEBER



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On n'est pas doué pour les langues!" sagen Franzosen oft. Aber ist das auch wahr? Sind sie wirklich besonders unbegabt fürs Sprachenlernen? Sicher ist, dass die gebildeten Schichten Frankreichs traditionell besonders viel Wert auf die Beherrschung der eigenen Sprache legen. Fremdsprachen gehören zwar zur Allgemeinbildung, sie sprechen zu können ist aber nicht so wichtig, solange die Schulnoten stimmen. Und in der Schule wurde lange und wird zum Teil immer noch die klassische Grammatik-Übersetzungsmethode praktiziert, die transparente Lernerfolgskontrollen ermöglicht (z.B. das Abfragen erlernter Grammatik oder Vokabeln), aber kaum zu aktivem Sprachgebrauch einlädt.


Weil außerdem die Aussprache des Deutschen und des Englischen ein an französische Laute gewohntes Ohr vor schier unlösbare Herausforderungen zu stellen scheint, geraten französische Sprachenlerner leicht in einen Teufelskreis: Man will (wie in der Muttersprache) keine Fehler machen, kann sie aber nicht verhindern und spricht deshalb so wenig wie möglich, weshalb der mündliche Ausdruck nicht besser, aber die Scham über die Fehler immer größer wird, so dass man am Ende gar nichts mehr sagt.


Europäischer Refenrenzrahmen


Auch in Frankreich ist mit wachsender Globalisierung das Bewusstsein gestiegen, dass aktive Kenntnisse in Englisch und einer weiteren Fremdsprache heute unverzichtbar sind. Und die Schulbehörden orientieren sich bei der Ausarbeitung von Lehrplänen und staatlichen Prüfungen längst an dem 1996 vom Europarat beschlossenen Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER), der sechs verschiedene Sprachniveaus (A1 bis C2) definiert, die sich an dem orientieren, was der Lernende in der fremden Sprache tatsächlich kann. Grammatik- und Wortschatzfehler spielen dabei eher eine untergeordnete Rolle.


Das Deutsche in Frankreich retten


Dem Deutschen hat diese Hinwendung zur Praxis in Frankreich jedoch zunächst geschadet. Weil es als besonders schwierige Sprache gilt, die nur guten Schülern zuzumuten ist, galten im Umkehrschluss die Deutschlerner als besonders gute Schüler. Dieser Nimbus ging verloren, je mehr die tatsächliche Kommunikationsfähigkeit ins Zentrum rückte. Um das Deutsche in Frankreich zu retten und den Platz des Französischen als wichtigste zweite Fremdsprache in Deutschland zu verteidigen, beschloss der Deutsch-französische Ministerrat 2004 zahlreiche Maßnahmen zur Förderung der Partnersprache. Das Ziel einer „Erhöhung des Anteils derjenigen, die die Partnersprache erlernen, um 50 % innerhalb von 10 Jahren" wird zwar nicht erreicht werden. Aber der Absturz des Deutschen in Frankreich konnte gestoppt und in einen leichten Aufwärtstrend umgekehrt werden. Und nach Aussage von Andreas Nieweler, dem Vorsitzenden der Vereinigung der deutschen Französischlehrer/innen (VdF), ist „das Französische in Deutschland heute gesichert - obwohl die Situation nicht in allen Bundesländern gleich ist".


Gemeinsame Initiativen


In Deutschland gehe es vor allem darum, „sich für das Französische einzusetzen, wenn Sprachen gewählt oder abgewählt werden können, also zu Beginn und am Ende der Sekundarstufe 1", erklärt Nieweler weiter und lobt die enge Zusammenarbeit mit dem Institut français d'Allemagne und den Sprachattachés. „Es gibt zahlreiche gemeinsame Initiativen, vom Francemobil über kulturelle Aktivitäten bis hin zu Internetwettbewerben." Eine echte Erfolgsgeschichte ist das vom französischen Bildungsministerium vergebene DELF scolaire (Diplôme d'étude en langue française), das Kenntnisse auf den Niveaus A1 bis B2 des Referenzrahmens bescheinigt: „62 000 Kandidaten nahmen 2011 an dieser Prüfung teil," erklärt Robert Valentin, stellvertretender Kulturrat an der französischen Botschaft in Berlin: „Damit liegt Deutschland weltweit klar an der Spitze!"


Steigende Anzahl der Sprachschüler


Auch in Frankreich arbeiten Schulbehörden und deutsche Partner bei der Werbung für Deutsch und der Umsetzung struktureller Maßnahmen eng zusammen. Eine wichtige quantitative Verbesserung ist, wie Andrea Schäfer, die Leiterin der Sprachabteilung des Pariser Goethe-Intituts, betont, bei Klassen zu verzeichnen, die gleichzeitig mit Deutsch und mit Englisch beginnen: „Die Zahl dieser Schüler hat sich von 21 157 im Jahr 2003 auf 75 064 für 2009 erhöht. Damit wurden die ursprünglichen Erwartungen deutlich übertroffen."


Auch bei dem von der Kultusministerkonferenz (KMK) ausgearbeiteten Deutschen Sprachdiplom (DSD), das seit 2004 in Zusammenarbeit mit dem französischen Erziehungsministerium an allgemeinbildenden französischen Schulen durchgeführt wird, gibt es deutliche Fortschritte, wie Hans-Peter Jacht, Berater der Zentralstelle des Auslandsschulwesens (ZfA) in Frankreich, bestätigt: „2006 nahmen rund 8 400 Schüler an den Prüfungen für die Niveaus A2 und B1 teil, 2011 waren es schon 27 400 Kandidaten." Zwar würden nicht alle Schüler in allen vier Kompetenzbereichen (Leseverstehen, Hörverstehen, schriftliche und mündliche Kommunikation) das erforderliche Niveau erreichen, bemerkt Jacht, „aber mehr als 90 % erreichen A2 oder B1 wenigstens in einem Kompetenzbereich".


So unbegabt sind die jungen Franzosen also doch nicht! Sorge bereitet heute die drastische Kürzung von Lehrerstellen in Frankreich, die sowohl die Aufrechterhaltung eines flächendeckenden Angebots für Deutsch als auch die dringend nötige Erneuerung gefährdet. In Deutschland erhöht die Verkürzung der Schulzeit den Druck auf Lehrer und Schüler. Was auf der einen Seite an Mitteln und Engagement investiert wird, droht auf der anderen Seite von Sparwut und lernfeindlichem Zeitdruck wieder zunichte gemacht zu werden.


TEXT: ULRICH SCHÖNLEBER