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Wachstum: Frankreich und Deutschland gleichauf

19. Januar 2015

Mit einer Wachstumsrate, die auf seine Nachbarn fast schon unverschämt wirkt, scheint Deutschland uns seit Beginn der Krise im Euroraum stets um Längen voraus zu sein. Schaut man aber genauer hin, ist der Abstand zwischen Frankreich und Deutschland bei weitem nicht so groß, wie es zunächst den Anschein hat.

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Wenn ich angelsächsischen Kollegen die Wirtschaftslage in Frankreich beschreiben soll, beginne ich stets mit der generellen Einschätzung, dass es Frankreich besser gehe, als viele von ihnen vielleicht vermuten. Dabei stütze ich mich auf die Wachstumszahlen der letzten 14 Jahre für Europa laut der Europäischen Kommission. Hier zeigt sich, dass Frankreich, außer im Zeitraum 2006 bis 2008, über dem europäischen Durchschnitt liegt. Die Annahme, Frankreich bleibe weit hinter seinen europäischen Nachbarn zurück, entspricht demnach nicht den wirtschaftlichen Fakten, vielmehr waren wir sogar besser. Was wiederum nicht bedeutet, dass es nicht hier und da auch Probleme gibt. Mit unserer Arbeitslosenrate, unseren Schulden und der Höhe unseres Defizits können wir uns wohl kaum brüsten.


Komplexe Wirklichkeit


Doch für Unternehmen, die vor der Entscheidung für oder gegen Frankreich stehen, ist es relativ unerheblich, ob wir unsere Vorteile teilweise ungenutzt lassen. Was weit mehr zählt, ist die wirtschaftliche Dynamik im Vergleich zu Ländern mit ähnlichen Voraussetzungen. Freilich gibt es andere Faktoren, die den Gesamteindruck möglicherweise schmälern, etwa die Höhe der Steuern, die zu entrichten sind, um an dieser Dynamik teilzuhaben. Der Aspekt der wirtschaftlichen Dynamik jedenfalls spricht, im europäischen Vergleich, eher zugunsten von Frankreich.


Lässt man die von der Krise betroffenen südlichen Länder einmal beiseite und vergleicht Frankreich mit dem „Spitzenreiter Deutschland", könnte man erwarten, dass Frankreich dabei schlechter abschneidet. Und tatsächlich hat Deutschland in den letzten Jahren bessere Ergebnisse vorzuweisen. Betrachtet man jedoch die Zahlen der letzten 14 Jahre, ergibt sich ein Gleichstand. Die Wachstumsrate in Deutschland lag in 7 von 14 Jahren in der Tat über der französischen, doch in den übrigen 7 Jahren war es umgekehrt. Auch hier offenbart sich wieder eine deutliche Diskrepanz zum Klischee des deutschen Musterschülers, dessen wirtschaftlicher Motor angeblich auf Hochtouren läuft. Die Wirklichkeit ist weit komplexer als von vielen Beobachtern dargestellt.


Das gilt besonders für das Jahr 2013. 2013 wagte Frankreich eine Prognose von 0,8 %, an die aber niemand glaubte. Und tatsächlich wurden auch nur 0,3 % erreicht. Im Unterschied dazu sagten die Deutschen 1 % Wachstum voraus und hatten Europa ebenso wie den IWF auf ihrer Seite, dessen Schätzungen ähnlich waren. Letztendlich kam Deutschland auf 0,4 % und damit auf 0,1 % mehr als Frankreich - eine Differenz, die fast noch im Bereich der statistischen Fehlertoleranz liegt. Betrachten wir die Entwicklung über 40 Jahren, bewegt sich die Kurve der Wachstumsdifferenz zwischen beiden Ländern um Null herum nach oben und unten. Das heißt, das Land, das in einem Jahr einen Vorsprung erzielt, fällt wenige Jahre später wieder zurück.


Versteht man unter Poesie die Kunst der Aneinanderreihung von Wörtern, die den Zeitgeist spiegeln, und unter Ökonomie eine faktenbasierten Analyse, dann hat das „French Bashing" mehr mit ersterem zu tun. Ebenso sollten wir uns vor angeblichen „Wirtschaftsexperten" in Acht nehmen, die faktisch nicht belegte Stereotypen ungeprüft übernehmen.


Ungeachtet der Höhen und Tiefen der Weltwirtschaft ist es langfristig betrachtet unwahrscheinlich, dass sich der Lebensstandard in eng verbundenen Nachbarländern stark gegenläufig entwickelt. Vielmehr greift hier das Phänomen der sogenannten „Regression zur Mitte", bei dem die, die in einem Jahr vorn liegen, in den folgenden Jahren schlechter abschneiden. Dennoch sollten diese Feststellungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die französische Wirtschaft ihr Potenzial noch nicht ausschöpft. Angesichts einer Arbeitslosenquote von 11 % (wohl doppelt so viel bei Einbeziehung der Unterbeschäftigung) könnten wir unser Wachstum deutlich steigern, wenn Millionen Franzosen nicht länger vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen blieben. Auch bringt uns das beschädigte Image unserer Wirtschaft, selbst wenn es nicht den Tatsachen entspricht, um Investitionen und damit auch um Arbeitsplätze. Eine Aufwertung unserer Außenwahrnehmung würde sich in jedem Fall auszahlen.


ÜBERSETZUNG: HENRIKE ROHRLACK