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Viel Lärm um nichts? Gewerkschaften in Frankreich und Deutschland im Vergleich

24. Mai 2011

Demonstrationen, Streiks und "Bossnapping": Die Franzosen gelten als protestfreudig. Viele Linke in Deutschland schauen oft neidisch ins Nachbarland und wollen das "französische Protestmodell" importieren. Nach den erfolglosen Aufl ehnungen zeigt sich aber, dass es in beiden Ländern Probleme gibt. TEXT: SUSANNE GÖTZE



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Im Jahr 2010 haben sich Frankreichs Gewerkschaftler wieder ordentlich ins Zeug gelegt: Ohne lange zu fackeln wurden von Schließung oder Verkauf bedrohte Betriebe besetzt, Autoreifen vor Fabriken angezÜndet und Chefs als Geiseln genommen (Bossnapping). Höhepunkt des Protestjahres waren die im letzten Oktober organisierten Massendemonstrationen gegen die Rentenreform der französischen Regierung. Doch der Erfolg der Gewerkschaften ist bescheiden: Weder konnten sie die Rentenreform, noch Pleiten verhindern oder erwirken, dass die Verursacher der Krise „zur Kasse gebeten" werden. Oftmals konnten die Arbeitnehmer nur eine bessere Abfi ndung erzwingen. In Deutschland beobachtete man das bunte Treiben im Nachbarland abwechselnd mit romantischer Faszination und Kopfschütteln.


Ein Vergleich beider Gewerkschaftskulturen zeigt, dass es hier wie da Stärken und Schwächen gibt, denen meist rechtliche und historische Ursachen zu Grunde liegen: In Frankreich ist der Streik im Gegensatz zu Deutschland ein individuelles Menschenrecht. Es braucht nur einen politischen Anlass und einen kleineren oder größeren Zusammenschluss von Menschen, um die Arbeit auf unbestimmte Zeit niederzulegen. Allerdings gibt es für den Arbeitsausfall im Gegensatz zu Deutschland keinen Lohnausgleich. Deutschland hingegen habe immer noch das restriktivste Streikrecht in der EU, erklärt Thorsten Schulten von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler Stiftung. „Der politische Streik ist immer noch verboten, obwohl die Europäische Sozialcharta eindeutig ein uneingeschränktes Streikrecht vorschreibt", so Schulten. Deutsche Arbeitnehmer könnten nur unter bestimmten Bedingungen und nur im Rahmen eines Tarifstreits die Arbeit niederlegen. Selbst wenn also die deutschen Gewerkschaftsführer bereit gewesen wären, gegen die Rente mit 67 zu streiken, wäre das legal schlichtweg nicht möglich. Während Arbeitnehmervertretungen in Deutschland branchenspezifisch organisiert sind, ist ihre Entstehung in Frankreich politisch motiviert - deshalb buhlen dort auch die acht größten Gewerkschaften um die Gunst der Arbeitnehmer.


Prägnantestes Beispiel ist die ehemals kommunistische und derzeit zweitgrößte Gewerkschaft CGT (Confédération générale du travail), die als erste 1895 gegründet wurde und seit den 20er Jahren der Kommunistischen Partei sehr nahe steht. Die heute größte Gewerkschaft CFDT stand in den 60er Jahren einer kleinen sozialistischen Partei nahe (Parti Socialiste Unifié) und focht politische Kämpfe ab Anfang der 70er Jahre zusammen mit der Parti Socialiste (PS) aus.
Trotz ihres großen gesellschaftlichen Einflusses, haben die französischen Gewerkschaften geringe Mitgliederzahlen: Nur rund 8 Prozent der Arbeitnehmer sind Mitglied einer Gewerkschaft. Statt von einem üppigen Mitgliederstamm werden die Arbeitskämpfe von einer kleinen Elite in den Gewerkschaften geführt.


In Deutschland sind doppelt so viele Arbeitnehmer gewerkschaftlich aktiv. Zwar gibt es keine Konkurrenz zwischen den Gewerkschaften, da es in der Regel für jeden Wirtschaftszweig nur eine Vertretung gibt, dafür findet der politische Streit innerhalb der Institutionen statt. „In Deutschland dominiert innerhalb der Gewerkschaften immer noch die sozialdemokratische Tradition", sagt Gewerkschaftsexperte Thorsten Schulten. In den letzten Jahren habe aber die LINKE an relativem Einfluss gewonnen, nicht zuletzt durch die umstrittenen Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Bundesregierung.


Ob viel Streik und öffentlichkeitswirksame Aktionen wie in Frankreich oder eher die zurückhaltende aber einheitlichere Strategie der deutschen Gewerkschaften größere Erfolge für die Arbeitnehmer bringen, ist Ansichtssache. Zwar haben die französischen Gewerkschaften es letzten Herbst nicht geschafft das Rentengesetz zu kippen, in Deutschland wurde dies jedoch nicht einmal versucht. Eine gewisse „Faiblesse" für das französische Modell kann auch Thorsten Schulten von der Böckler-Stiftung nicht verbergen: Immerhin hätten die Franzosen einen flächendeckenden Mindestlohn - wofür die deutschen Gewerkschaften bis jetzt umsonst kämpften und auch die Erinnerung an die erfolgreichen Proteste gegen die CPEReform (contrat première embauche) seien noch sehr lebendig.


TEXT: SUSANNE GÖTZE