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Die Mischung macht's: Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Frankreich und Deutschland

19. April 2012

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die Geburtenrate. Dieser Schluss liegt jedenfalls sehr nahe, wenn man sich die beiden Länder Frankreich und Deutschland genauer ansieht.

In Frankreich arbeiten viel mehr Mütter Vollzeit und bekommen gleichzeitig deutlich mehr Kinder, wohingegen in Deutschland die Frauen viel stärker gezwungen sind, sich zwischen Beruf und Karriere zu entscheiden, offenbar zum Nachteil ihrer Bereitschaft, Kinder zu bekommen. Die Geburtenrate in Deutschland ist eine der niedrigsten in der Europäischen Union. Daher haben hier Vollzeit arbeitende Frauen - im Gegensatz zu Frankreich - oft gar keine Kinder.

In der kürzlich veröffentlichten Studie: Frauen auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland und Frankreich der Friedrich Ebert Stiftung wurden die Maßnahmen zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in beiden Ländern untersucht.

66 Prozent der Deutschen sind laut dem Monitor für Familienforschung 2009 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) der Meinung, dass ein besseres Betreuungsangebot für Kinder die Geburtenrate ansteigen lassen würde. Aber nicht nur die umfangreichen Möglichkeiten zur Kinderbetreuung hat darauf einen Einfluss, auch die Kombination von wirtschaftlichen, strukturellen und sozialen Aspekten macht Frauen in Frankreich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf viel leichter. Die Maßnahmen zur Vereinbarkeit ziehen sich durch viele Politikbereiche, durch die Arbeits- und Sozialpolitik und die Gleichstellungs- und Bildungspolitik, aber auch die finanzielle Unterstützung von Familien spielt eine wichtige Rolle.

Andere kulturelle Normen

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland ist zunächst einmal die Einstellung gegenüber erwerbstätigen Müttern. In Frankreich ist es regelrecht selbstverständlich, dass Mütter voll erwerbstätig sind und ein Recht auf eine eigene Karriere haben. Statt in Folge dessen die Männer in die Erziehung der Kinder stärker miteinzubeziehen, wird die Kinderbetreuung "ausgelagert". So ist es Tradition, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im wesentlichen eine Angelegenheit des Staates ist. Außerdem herrscht in Frankreich die Meinung vor, dass die Erziehung im Kollektiv zum Wohl des Kindes beiträgt und die körperliche und geistige Entwicklung und letztlich auch die Chancengleichheit fördert, unabhängig von der sozialen Herkunft.

In Deutschland ist es dagegen immer noch Tradition, dass Hausarbeit und Kindererziehung eine Aufgabe der Frauen ist, staatlicher und privater Kinderbetreuung gegenüber ist man eher misstrauisch eingestellt. Und immer noch wird eine Mutter schnell als Rabenmutter abgestempelt, wenn sie nicht wenigstens die Hälfte ihrer Zeit der Kinderbetreuung widmet. Das traditionelle Mutterbild ist also noch sehr stark verbreitet, auch wenn Frauen seit den 1970er Jahren viel stärker ihre ökonomische Unabhängigkeit fordern.

Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik

Ein weiterer deutlicher Unterschied ist die Strategie der Familienpolitik der beiden Länder: Frankreichs Arbeits- und Sozialpolitik fördert Familien dadurch, dass beide Elternteile arbeiten können und Frauen voll erwerbstätig sind und leistet damit einen wichtigen Beitrag gegen Familien- und Kinderarmut.
Deutschland dagegen setzt in erster Linie auf Transferleistungen, wie etwa das Kindergeld. Die Bedingungen für die Berufstätigkeit von Müttern werden hier außerdem dadurch erschwert, dass in Deutschland in den letzten Jahren verstärkt der Niedriglohnsektor ausgebaut worden ist (traditionell sind hier deutlich mehr Frauen als Männer beschäftigt), wodurch Frauen stärker in geringfügige Beschäftigungsverhältnisse gedrängt worden sind. Auf diese Weise haben viele Frauen in ihrer Familie höchstens die Rolle der Dazu-Verdienerin.

In Frankreich wird dieser prekären Situation der Frauen schon durch den gesetzlich festgelegten Mindestlohn und die die verkürzte Wochenarbeitszeit entgegengewirkt.

Bildungspolitik

Die Bildungssituation ist in Frankreich und Deutschland bei den Kleinkindern als auch im Elementar- und Sekundarbereich ganz unterschiedlich. Während in Deutschland das Bildungssystem für Kinder ab sechs Jahren mit der Grundschule beginnt, können die Kinder in Frankreich schon im ersten Lebensjahr in einer Kinderkrippe betreut werden. Die Kosten werden staatlich reguliert und richten sich nach der Familiengröße und dem Gehalt der Eltern.

Aber auch die Betreuung durch Kindermädchen oder Tagesmütter wird staatlich bezuschusst. Dadurch gibt es in Frankreich die größte Variationsbreite an staatlich geförderten privaten und öffentlichen Betreuungsangeboten innerhalb Europas. Fast jedes 3. Kind wird durch eine Krippe oder Tagesmutter betreut. In Deutschland sind die Kinderbetreuungskosten zwar steuerlich absetzbar, aber die Steuerersparnis sind deutlich kleiner, als die Betreuungszuschüsse in Frankreich.

Während in Frankreich 28 Prozent der Kleinkinder zwischen null und drei Jahren in einer Krippe oder von einer Tagesmutter betreut werden, sind es in Deutschland nur 9 Prozent (OECD Family Data Base 2010). Die Versorgung mit Kinderbetreuungsplätzen für Kinder unter sechs Jahren liegt damit weit unter dem europäischen Durchschnitt. Von den Kleinkindern zwischen drei und sechs Jahren gehen zwar 78% in Deutschland in einen Kindergarten, aber viele Einrichtungen bieten nur eine Halbtagsbetreuung an. Ähnliches gilt für den Schulunterricht, der meistens schon mittags endet. Angebote für eine ganztägige Betreuung, einschließlich Mittagessen in der Schule, Hausaufgabenbetreuung und Nachmittagsunterricht sind nur begrenzt vorhanden. So bleibt für viele Familien nur die Möglichkeit, dass ein Elternteil seine Erwerbstätigkeit aufgibt oder reduziert.

Finanzielle Unterstützung von Familien

Auch das System der finanziellen Unterstützung von Familien, zusammengesetzt aus Zuschüssen und Steuererleichterungen, ist in Frankreich besser an die Bedürfnisse von Familien angepasst. Generell werden hier alle Familientypen gefördert und Haushalte mit zwei Verdienern werden nicht finanziell benachteiligt. Wohingegen in Deutschland Frauen durch die Art der finanziellen Subventionen, wie dem Kindergeld, eher darin bestärkt werden, sich aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen, wodurch wiederum das traditionelle Familienmodell unterstützt wird.

Die klassischen finanziellen Förderinstrumente für Familien mit zwei Elternteilen lassen sich in beiden
Ländern in vier Kategorien aufteilen:

  • pauschale Zuschüsse für Kinder
  • finanzielle Unterstützung der Elternzeit
  • finanzielle Unterstützung der Kinderbetreuung
  • Vergünstigungen in der Besteuerung des Familieneinkommens

In einem Punkt ist Deutschland aber fortschrittlicher als Frankreich: In Bezug auf die Unterstützung der Elternzeit. Diese unterstützt die Eltern, die nach der Geburt eines Kindes zu Hause bleiben, mit dem sogenannten Elterngeld für eine Dauer von 24 Monaten. Die Idee dahinter war, dass Frauen ihre Berufstätigkeit nach der Geburt eines Kindes nicht vollständig aufgeben müssen. Da durch das Elterngeld auch Männer dazu motiviert werden, in Elternzeit zu gehen, wird auf diese Weise die Ausgewogenheit von beruflicher und familiärer Verantwortung beider Elternteile unterstützt. Das gibt es in Frankreich so nicht.

Noch zeigt das Elterngeld aber nicht die gewollten Effekte: Nur ein Drittel aller Mütter kehrt nach Ablauf der Elternzeit in Deutschland an den Arbeitsplatz zurück. Wenn, dann meistens nur mit reduzierter Stundenzahl.

Betreuungskosten können in Deutschland für Alleinerziehende und erwerbstätige Paare steuerlich geltend gemacht werden. Das gilt für alle Arten von Betreuung: Kindergärten, Krippen und Tagesmütter. Das Äquivalent in Frankreich ist ein sogenannter Zuschuss für die freie Wahl der Kinderbetreuung.

Zusammengefasst konzentriert sich die deutsche Familienpolitik im Vergleich zur französischen sehr auf finanzielle Leistungen zur Unterstützung von Familien, davon profitieren dann aber in erster Linie Familien mit einem alleinigen Verdiener. Und das führt wiederum dazu, dass Familie und Beruf in Deutschland viel schwerer zu vereinbaren sind.

Dagegen hat Frankreich ein stimmiges Gesamtkonzept, das keine "pronatalistische" Politik anstrebt, sondern primär die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Ziel hat. Ein Kernthema ist dabei die Wahlfreiheit der Eltern: Sowohl berufstätige, als auch Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen, werden staatlich unterstützt, und die Form der außerhäusigen Kinderbetreuung ist frei wählbar.