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Stefan Engler, Steuerberater: Wir sind in Frankreich vor allem als qualizierte Buchhalter tätig

Was ist der Unterschied zwischen deutschem und französischem Nettolohn? Und warum ist es finanziell vorteilhafter, in Frankreich zu leben und in Deutschland zu arbeiten als umgekehrt? Stefan Engler sprach mit ParisBerlin über die feinen Unterschiede der beiden Steuersysteme und über den Beruf des Steuerberaters in Deutschland und Frankreich.

Wie unterscheiden sich das deutsche und das französische Steuersystem?

Der Teufel liegt im Detail. Der Name ist der gleiche, aber die Funktionsweise eine ganz andere. Es gibt zum Beispiel den Begriff Gewerbesteuer in beiden Ländern, sie wird aber ganz anders ermittelt. In Deutschland ist die Gewerbesteuer gewinnabhängig. Wenn man Verlust macht, muss man auch keine Gewerbesteuer zahlen. In Frankreich wurde die alte Gewerbesteuer letztes Jahr abgeschafft, das war ein Wahlversprechen des Präsidenten. Nun zahlt man nur noch auf die Gebäude eine gewerbesteuerliche Abgabe, und es wurde eine zweite Komponente eingeführt, die jetzt, ähnlich wie in Deutschland, von der Geschäftstätigkeit abhängt. Die Bemessungsgrundlage ist hier die Rohmarge. Die Steuer fällt aber an, egal ob man unterm Strich Gewinn macht oder Verlust. Ein anderes Beispiel ist die fristgerechte Steuerzahlung: Nehmen wir an, eine Steuer ist zum 15. eines Monats fällig. Wenn ich in Deutschland zum 15. etwas bezahlen soll, dann muss das Geld wirklich am 15. auf dem Konto des Finanzamts sein. In Frankreich hingegen gilt das Datum des Poststempels. Man kann dort per Scheck, den man in einen Umschlag steckt, bezahlen. Auch wenn der Brief erst am 18. ankommt, ist die Zahlung immer noch fristgerecht erfolgt, denn der Umschlag wurde ja innerhalb der Frist, d.h. am 15., aufgegeben.

Für die Arbeitnehmer sind die Unterschiede etwas größer. Wie sieht es mit der Einkommenssteuer aus?

Die Einkommenssteuer wird in Frankreich, anders als in Deutschland, nicht an der Quelle einbehalten. Das kann zu Missverständnissen führen, wenn es bei der Einstellung von ausländischem Personal an die Gehaltsverhandlungen geht. Ein Deutscher Personalchef meint etwas anderes als ein französischer Personalchef, wenn er vom Nettolohn spricht. In Deutschland heißt Nettolohn: nach Sozialversicherung und nach Steuern, also der einbehaltenen Lohnsteuer. In Frankreich heißt Nettolohn: brutto minus Sozialabgaben. Und die Lohnsteuer zahlt der Arbeitnehmer selber, das Jahr drauf.

Franzosen müssen sich anders als die Deutschen nicht mit einer komplizierten Steuererklärung abplagen. Wie wirkt sich das auf Ihre Tätigkeit aus?

Der Unterschied geht schon aus den beiden Berufsbezeichnungen hervor. Der deutsche Steuerberater berät in Steuerfragen, der französische Expert comptable ist Fachmann für Buchhaltungsfragen. Die beiden Berufsbilder des Expert comptable und des Steuerberaters sind ganz unterschiedlich. In Deutschland geht man zum Steuerberater, um Steuern richtig zu bezahlen oder zu sparen. In Frankreich sind wir vor allem als qualifizierte Buchhalter tätig. Denn die Steuererklärung in Frankreich ist unglaublich einfach - die wichtigsten Einkünfte sind schon vorgedruckt. Sie bekommen ein Formular geschickt, in dem seit Neuestem schon der Betrag steht, den Sie verdient haben. Wenn Sie per Internet ihre Einkünfte erklären, rechnet das Programm sogar aus, was Sie zahlen müssen. In Deutschland ist das Gesetz so gemacht, dass es Optionen und Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Und der Staat lässt den Steuerbürger frei gestalten. Aus französischer Sicht würde man eher sagen, er lässt den Steuerzahler in gewisser Weise im Nebel. Wer sich nicht informiert oder beraten lässt, zahlt zu viele Steuern. Das ist eine Tatsache. Nehmen wir als Beispiel die Lohnsteuer. Das geht schon beim 13. Monatsgehalt los. Wenn Sie im Dezember ein 13. Monatsgehalt bekommen, dann werden Sie im Dezember, laut Lohnsteuertabelle so behandelt, als hätten Sie dieses Gehalt das ganze Jahr über bekommen und vom Weihnachtsgeld geht sehr viel mehr an den Staat, als ihm letztendlich zusteht. Nur durch einen Lohnsteuerjahresausgleich holt man sich die ungerechtfertigt einbehaltene Steuer zurück. Wer sich nicht wehrt, der zahlt zuviel, ganz einfach.

Der Beruf des Steuerberaters ist in Deutschland notwendig, weil das Steuersystem so benutzerunfreundlich ist. Wer zahlt am Ende mehr Steuern - Deutsche oder Franzosen?

Fragt man, wie viel aus der Tasche des Einzelnen an den Staat fl ießt, dann muss man dazu Sozialversicherung und Steuern zusammen betrachten, als Paket. Dann kommt es aufs Gleiche raus. In Deutschland zahlt man eine relativ hohe Lohnsteuer, aber nur 21 % Sozialabgaben. Und in Frankreich zahlt man 25 % Sozialabgaben, dafür aber eine geringere Einkommenssteuer. In Frankreich ist das Thema Einkommenssteuer sehr sensibel. Noch kein Präsident hat es gewagt, die Einkommenssteuer zu erhöhen. Da der französische Staat aber trotzdem Geld braucht, werden viele Leistungen, wie zum Beispiel das Kindergeld, über die Sozialversicherungen abgewickelt. Die sogenannten Grenzgänger wohnen in einem Land und arbeiten im anderen.

An welchen Staat müssen sie zahlen?

Der Grenzgänger steht morgens im Grenzgebiet des einen Landes auf, fährt über die Grenze und arbeitet im Grenzgebiet des anderen Landes. Einkommenssteuer zahlt er an das Land, in dem er wohnt, die Sozialversicherung geht an das Land, in dem er arbeitet. Das ist durch das bilaterale Sozialversicherungs- und Doppelbesteuerungsabkommen geregelt. Elsässer, die in Deutschland arbeiten, haben es sehr gut: Sie zahlen den niedrigen Arbeitnehmeranteil in Deutschland und die niedrige die Weise wirklich sparen. In Deutschland wohnen und in Frankreich arbeiten hingegen sollte man lieber nicht, rate ich als Steuerberater.
Heutzutage verbringen viele Deutsche und Franzosen einen Teil ihres Arbeitslebens im Nachbarland, und zahlen also eine Zeit lang in die eine und eine Zeit lang in die andere Staatskasse ein.

Von wem beziehen sie am Ende ihre Rente?

Sie bekommen zwei Renten - eine deutsche und eine französische, jede im landeseigenen System. Das bedeutet im Moment des Renteneintritts sehr viel Papierkram.
Die Anwartszeiten im anderen System werden für die Kalkulation angerechnet. In Frankreich ist das Renteneintrittsalter nun 62 Jahre, aber eine volle Rente gibt es nur, wenn man insgesamt 41,5 Jahre Rentenbeiträge gezahlt hat. Geht man in Frankreich in Rente, wird geschaut, wie viele Quartale man in Frankreich eingezahlt hat und die Quartale, die man in Deutschland eingezahlt hat, werden mit addiert. Somit bekommt man in Frankreich Rente ohne Strafabschlag, aber nur anteilig für die Dauer, für die man auch wirklich in Frankreich Beiträge bezahlt habe. In Deutschland kann man erst mit 65 Jahren Rente beantragen. Also wird zunächst nur die französische Rente ausbezahlt. Wenn mit 65 Jahren auch die deutsche Rente genehmigt ist, dann erhält man jeden Monat zwei Überweisungen aufs Konto. Das kann natürlich auch seine Vorteile haben: Wenn das Rentensystem eines Staates bankrott ginge oder per Gesetz abgeschafft würde, was wahrscheinlicher ist, bekäme man immer noch was vom anderen Staat! Man hat so eine Risikostreuung für seine Altersvorsorge.

INTERVIEW: NINA DREWS, ParisBerlin