Connexion-Emploi

Die führende deutsch-französische Jobbörse

Saint-Gobain, wichtiges Bindeglied zwischen Deutschland und Frankreich

11. Dezember 2015

In den 350 Jahren seines Bestehens wurde der unscheinbare Baustoffkonzern Saint-Gobain zu einem wichtigen Bindeglied zwischen Deutschland und Frankreich. Zuletzt avancierte er sogar zum inoffiziellen Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaftsbeziehungen beider Länder. TEXT: LEO KLIMM



Paris_Berlin_LogoParisBerlin (http://www.parisberlin.fr) est le seul newsmagazine qui vous informe chaque mois sur l'actualité franco-allemande dans les domaines suivants : politique, économie, mode de vie, culture, éducation, médias.




Als Pierre-André de Chalendar vor einigen Jahren ins Topmanagement von Saint-Gobain aufstieg, bemerkte er, dass ihm etwas Wichtiges fehlte: Wissen über Deutschland. Der neue Job führte den Franzosen häufig auf die andere Rheinseite. "Ich hatte das Bedürfnis, Deutschland besser zu verstehen", sagt er. Also las de Chalendar Histoire de l'Allemagne von Joseph Rovan. Und hatte das Gefühl, Deutschland besser zu verstehen.


Inzwischen ist Pierre-André de Chalendar oberster Chef beim Baustoffspezialisten Saint-Gobain. Die Deutschlandexpertise dürfte beim Aufstieg an die Spitze ein Pluspunkt gewesen sein. Schon seine Vorgänger waren germanophil. Im mittleren Management sind viele Posten von Deutschen besetzt, und in der Konzernzentrale im Pariser Geschäftsviertel La Défense hat sich seit ein paar Jahren ein solides binationales Karrierenetzwerk aus Controllern, Juristen und Einkaufsmanagern herausgebildet. "Das Herz von Saint-Gobain", sagt de Chalendar, "ist deutsch-französisch".


Dabei wirkt Saint-Gobain auf den ersten Blick so französisch wie kein anderes Unternehmen: Vor genau 350 Jahren von Jean-Baptiste Colbert, dem Finanzminister von Ludwig XIV., als "Manufacture Royale des Glaces" gegründet, um den Spiegelsaal von Schloss Versailles zu bestücken, gehört der Konzern zum Inventar des Pariser Staatskapitalismus. Das Unternehmen zählt zu den ältesten der Welt und ist zugleich, so ein Ranking der Agentur Thomson Reuters, eines der innovativsten. Tradition, Innovation, Größe - dafür ist Saint-Gobain mit 42 Milliarden Euro Jahresumsatz in Frankreich bekannt.


Den Deutschen hingegen ist er kaum ein Begriff, obwohl auch sie millionenfach Saint-Gobain-Produkte nutzen. Etwa Sekurit-Windschutzscheiben, die in deutschen Autos verbaut werden, Baustoffe der Marke Rigips oder Dämmplatten von Isover. Deutschland ist zudem ein wichtiger Forschungsstandort für Saint-Gobain: Hier werden feuerfeste Dämmstoffe entwickelt oder Glasscheiben, die auf Knopfdruck undurchsichtig werden. Mit 100 Tochterfirmen und rund 17000 Mitarbeitern erlöst Saint-Gobain in Deutschland, dem wichtigsten Markt nach Frankreich und den USA, 11 % des Umsatzes.


Doch Leistungsziffern allein erklären nicht, warum das Herz von Saint-Gobain, wie Pierre-André de Chalendar es ausdrückt, "deutsch- französisch" sein soll. Warum dieses unscheinbare Unternehmen zu einem Scharnier zwischen den Ländern geworden ist. Das, so der Konzernchef, habe seinen Grund darin, dass Saint-Gobain längst auch Teil der deutschen Industriegeschichte sei. Schon 1853 gründet das Unternehmen seine erste Auslandsniederlassung und baut in Mannheim eine Spiegelglasfabrik. Es verfolgt damit zwei Ziele: Saint-Gobain will den Importzöllen des Deutschen Bundes entgehen und die Schwäche der deutschen Glasmanufakturen ausnutzen. Schnell wird die Firma auch in Deutschland zum führenden Anbieter.


Ein Scharnier zwischen den Ländern, auch in Krisenzeiten


Als 1870 die Serie dreier deutsch-französischer Kriege beginnt, wird Saint-Gobain selbst zum Spiegel der Geschichte. Das Unternehmen, das in den umkämpften Gebieten besonders stark vertreten ist, erlebt Besatzung und Zerstörung. So wird die historische Manufaktur in dem Örtchen Saint- Gobain bei Compiègne im Ersten Weltkrieg von Bomben zerstört. Später wird aus den deutschen Reparationszahlungen eine neue Flachglasproduktion aufgebaut. Im Zweiten Weltkrieg dann gerät Saint-Gobain teils unter die Zwangsverwaltung der Nationalsozialisten. Der deutsche Firmenableger setzt sogar französische Kriegsgefangene ein, bis schließlich viele der deutschen Werke von den Alliierten zerstört werden. Danach aber geht man bei Saint-Gobain schnell wieder zur Tagesordnung über. "Im Unternehmen war es fast so, als ob es keinen Krieg gegeben hätte", erzählt Roger Fauroux. Der 88-Jährige, Agrégé in Germanistik und ehemaliger Industrieminister, stand vor seiner politischen Karriere lange an der Spitze von Saint-Gobain. Er erinnert sich an einen Wehrmachtsoffizier, der im Krieg als Verwalter eines Werks in Lothringen fungierte. "Er hatte sich gut benommen. Also haben ihn die Franzosen nach dem Krieg als Fabrikdirektor einfach weiterbeschäftigt."


Jahrzehnte später, im Jahr 1990, wird Saint-Gobain wieder Akteur der Geschichte. Während eines Besuchs von François Mitterrand in der sich auflösenden DDR setzt sich der damalige Saint-Gobain- Chef Jean-Louis Beffa von der Wirtschaftsdelegation des Präsidenten ab. Klammheimlich fährt er nach Torgau bei Leipzig und trifft sich mit dem Leiter des örtlichen Glaskombinats. Beffa bereitet schon die Übernahme vor. Die aggressiven Methoden des Konzerns in den Nachwendejahren hat der Lothringer Christian Streiff - zu dieser Zeit Saint- Gobain-Manager in Deutschland - in einem autobiografischen Roman festgehalten. In Kriegspiel (2000) schildert der spätere Airbus-Chef Streiff das Aufeinanderprallen von Kapitalismus und Sozialismus. Und damit auch das von Franzosen und Deutschen. "Es ist nie lustig, mit den Deutschen etwas gemeinsam aufzubauen", findet Jean-Louis Beffa. "Man langweilt sich schrecklich mit ihnen, aber wir sind dazu verurteilt, uns am Ende immer einig zu werden." Beffa mag die Deutschen dennoch.


Trotz oder gerade wegen ihrer vermeintlichen Langweiligkeit: Bei jeder Gelegenheit preist Beffa in Frankreich die Vorzüge des germanischen Konsenskapitalismus. Das deutsche Standbein von Saint-Gobain hat er in seiner Zeit als Konzernchef deutlich gestärkt. Zu seinen Trophäen zählen neben dem Glaskombinat in Torgau etwa Rigips oder der Baufachhändler Raab Karcher. "Ich habe viel von Deutschland gelernt", sagt Beffa. Vor allem aber hat er Saint-Gobain zum Mittelpunkt eines diskreten deutsch-französischen Netzwerks der Macht gemacht. Entstanden ist es aus der Freundschaft zum heutigen Siemens- Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Gemeinsam leiteten die beiden in den 1980er-Jahren einen Saint-Gobain-Ableger in Nancy. Als Beffa Konzernchef wurde und Cromme zurück nach Deutschland ging, hielten sie sich die Treue - und beriefen sich gegenseitig in ihre jeweiligen Aufsichtsräte. Bis heute besetzt eine Clique um die beiden Spitzenposten bei Saint-Gobain, Siemens, ThyssenKrupp und GDF Suez.Die Macht des Clans reicht bis in die Politik. 2012 arrangierten Jean-Louis Beffa und Gerhard Cromme für François Hollande mehrere Geheimtreffen mit Konzernchefs aus Deutschland und Frankreich.


Als der französische Präsident und die deutsche Kanzlerin 2013 zum 50. Jubiläum des Élysée-Vertrags dringend Ideen für binationale Wirtschaftsprojekte brauchten, fragten sie - natürlich - das Duo Cromme und Beffa. Auch 2014 zog das Saint-Gobain-Gespann wieder Strippen im Élysée-Palast, um Siemens die Übernahme des französischen Rivalen Alstom zu ermöglichen, wenngleich ohne Erfolg. Pierre-André de Chalendar, der heute Saint-Gobain steuert, schätzt das reiche deutsch-französische Erbe, das seine Vorgänger ihm hinterlassen haben. Nicht nur, weil Deutschland ihm derzeit gute Geschäfte beschert, während Frankreich schwächelt. "Die Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland", sagt de Chalendar, "ist eine eminente Notwendigkeit, und wir haben die Pflicht, unsere zwei Länder noch enger aneinanderzubinden." Der Konzernchef hat seinen Rovan gelesen.