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Sanofi, Tauziehen um Big Pharma

Nach schwierigen Jahren ist Sanofi zu neuen Kräften gekommen und mutiert zum globalen Gesundheitskonzern. Dazu trägt auch sein deutsches Standbein bei. Keine Zeit also für schlechte Erinnerungen? TEXT: MARKUS GABEL



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Christopher Viehbacher, Generaldirektor des französischen Pharmakonzerns Sanofi, machte bei der Vorstellung der jüngsten Geschäftsergebnisse ein zufriedenes Gesicht. "Die solide Entwicklung im zweiten Quartal spiegelt eine konsequente Umsetzung unserer Wachstumsstrategie wieder und erlaubt uns, die Finanzprognose für 2014 leicht anzuheben." Tatsächlich legte der Umsatz von Sanofi seit dem ersten Quartal auf 8,075 Milliarden Euro zu. Dazu trugen vor allem gute Geschäfte in den Schwellenländern, die Erfolge der Biotechnologietochter Genzyme und die Geschäftsfelder der Diabetes- und Impfstoffmedizin bei. Ob die jüngsten Ergebnisse allerdings eine Trendumkehr bedeuten, muss sich erst noch zeigen, denn hinter dem weltweit viertgrößten Pharmakonzern liegen schwierige Jahre.


Das weiß auch Christopher Viehbacher, der 2008 die Leitung des Unternehmens übernahm, das damals noch Sanofi-Aventis hieß. Die Konzerngeschichte ist nicht ohne Verwicklungen: 1973 wurde Sanofi als Pharmaableger des französischen Ölriesen Elf Aquitaine gegründet und fusionierte 1999 mit dem Konzern Synthélabo, der wiederum zu L'Oréal gehörte. 2004 gelang Sanofi-Synthélabo die Übernahme des deutsch-französischen Konzerns Aventis, der 1999 aus der Hoechst AG in Frankfurt und Rhône-Poulenc in Lyon hervorgegangen war. Seit 2011 firmiert der Konzern nun in den meisten Ländern wieder unter seinem ursprünglichen Namen Sanofi - wenn auch mit vollkommen neuen Strukturen und Dimensionen, die kaum noch an das Kleinunternehmen von 1973 erinnern.


Streitfall Aventis


Auch wegen dieser Geschichte stellt Sanofi - immerhin fünftgrößter Exporteur Frankreichs mit mehr als 25 000 Angestellten im Heimatland - ein Herzstück des französischen Kapitalismus dar. Die Art und Weise, mit der die Aventis-Übernahme 2004 abgewickelt wurde, ist auf deutscher Seite allerdings in schlechter Erinnerung geblieben. Verschwand mit ihr doch ein Stück deutscher Industrie- und Wirtschaftsgeschichte, denn die Hoechst AG, einstmals größtes deutsches Chemieunternehmen, war 1951 aus der Entflechtung der IG Farben entstanden. Die deutsche Bundesregierung hielt sich aber auch dann noch zurück, als die angekündigte Fusion unter Gleichen längst zur feindlichen Übernahme geworden war. Besonders der damalige französische Minister für Wirtschaft, Finanzen und Industrie, Nicolas Sarkozy, war bemüht, den heimischen Pharmasektor zu stärken. Seine Interventionen führten zu Verstimmungen zwischen Berlin und Paris und machten deutlich, welchem Konkurrenzdruck beide Volkswirtschaften ausgesetzt waren.


Trotz oder gerade wegen dieser Rivalität hat die französische Unternehmensleitung das deutsche Standbein nicht aufgegeben, zählt es doch zu den Filetstücken des Konzerns. Knapp 9 % der weltweit über 110 000 Sanofi- Mitarbeiter sind in Deutschland angestellt, davon 6 900 im Industriepark Hoechst bei Frankfurt. Dort verfügt man über eine sehr erfolgreiche Forschungsabteilung, vor allem im Bereich der Diabetesmedizin. In diesem ist Sanofi über seine Vorgängerfirmen seit mehr als 100 Jahren vertreten und verfügt über eine dominante Marktposition. So erwirtschaftete die Sparte 2013 ein Fünftel des Konzernumsatzes. In Frankfurt sollen bis 2017 rund 1000 neue Stellen geschaffen werden, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung Anfang August berichtete. Birgitt Sickenberger, die Pressesprecherin von Sanofi in Deutschland, will diese Zahlen allerdings nicht bestätigen und spricht auch sonst nur ungern mit der Presse.


Auch in Betriebsratskreisen rechnet man mit der Schaffung "einer beachtlichen Anzahl neuer Arbeitsplätze". Im aktuellen Internetauftritt des Konzerns sind knapp 100 Stellen an den deutschen Stand- orten ausgeschrieben. Diese positive Entwicklung kompensiert aber nur die Stellenstreichungen der vergangenen Jahre. In deren Zuge wurden deutsche Forschungsbereiche nach Frankreich verlagert, Teile des Finanz- und Rechnungswesens wanderten nach Südosteuropa ab. Auch in Frankreich wurden 2012 tiefgreifende Umstrukturierungsmaßnahmen durchgesetzt. Die Angestellten in Paris, Lyon und Toulouse gingen wiederholt auf die Straße, um gegen die unpopulären Entscheidungen der Konzernleitung zu demonstrieren.


Christopher Viehbacher gibt sich im Internetauftritt des Unternehmens trotz Gegenwind optimistisch: "Dank der guten Umsatzentwicklung und einer strengen Kostenkontrolle können wir eine neue Investitionsphase mit zahlreichen klinischen Studien in Angriff nehmen." Hinzu kommt eine neue Strategie: Sanofi, ursprünglich eher ein Pharmalabor, orientiert sich zunehmend an Konkurrenten wie Bayer oder Novartis. Diese verstehen sich als globale "Gesundheitskonzerne" und setzen vermehrt auf nicht verschreibungspflichtige Medikamente, Diagnostika und Generika. Außerdem treiben sie den Ausbau ihrer Präsenz in den Schwellenländern voran. Zu diesen zählen neben den BRICS-Staaten, wie Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bezeichnet werden, beispielsweise auch Mexiko und Indonesien. Mit insgesamt 112 Produktionsstandorten in 41 Ländern scheint Sanofi für eine derartige Unternehmensentwicklung gut aufgestellt. Heute schon macht das Pharmaunternehmen jeweils ein Drittel seiner Geschäfte in den USA und in den Schwellenländern. Auf den europäischen Markt entfällt ein Viertel des Konzernumsatzes.


Ende der Fusionierungsphase


Trotz eines derzeit in der Branche grassierenden Fusionsfiebers scheint Sanofi - vielleicht auch wegen seiner bewegten Geschichte - kein Interesse an neuerlichen Zusammenführungen zu hegen. Die Konkurrenz hingegen setzt auf die Zusammenlegung von Kompetenzen in den Bereichen Forschung, Produktion und Absatzmärkte - es herrscht eine neue Dynamik im Bereich Pharma. Dazu tragen auch regulatorische Veränderungen und schärfere Zulassungsbedingungen für neue Wirkstoffe bei. Außerdem muss die Branche bedeutende strategische Herausforderungen meistern: Auslaufender Patentschutz, Medikamentenfälschungen, ein wachsender Markt für nicht verschreibungspflichtige Medikamente sowie strukturelle Veränderungen der Märkte in den Schwellenländern zählen zu den wichtigsten. "Die zunehmende Kaufkraft der Bevölkerung der BRICS, die dort wachsende Mittelschicht sowie ein verbessertes Gesundheitssystem führen insgesamt zu einer erhöhten Nachfrage nach Medikamenten", so Moris Hosseini von der Unternehmensberatung Roland Berger. Länder wie Brasilien und China seien gerade dabei, funktionierende Gesundheitssysteme aufzubauen, was ein Milliardengeschäft für westliche Pharmariesen darstelle. Da Sanofi in den BRICS-Staaten eine starke Stellung einnimmt, sollten die schwierigen Jahre erst einmal vorbei sein. Das einst kleine Labor scheint endgültig zu Big Pharma zu mutieren.