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"Und wieviel verdienst du?" Warum man sich die Frage nach dem Gehalt in Frankreich besser verkneift

"Und wieviel verdienst du?" Warum man sich die Frage nach dem Gehalt in Frankreich besser verkneift

Ob in entspannter Feierabendrunde oder an der Kaffeemaschine im Pausenraum, die Frage nach dem Gehalt der Kollegen löst in Frankreich häufig Unbehagen oder sogar entrüstete Blicke aus. Doch woher kommt diese merkwürdige Schamhaftigkeit in Bezug auf die Gehaltsfrage? Versuch einer Erklärung.

Jahrhundertelanges Misstrauen

Von einem soziokulturellen Standpunkt aus betrachtet, spielt paradoxerweise sicherlich der Bezug zur katholischen Kirche eine Rolle: Auch wenn heute Kirche und Staat getrennte Wege gehen, so wurde Frankreich jahrhundertelang vom Katholizismus geprägt, und die Kirche lobte ein Leben in Armut, verteufelte persönliche Bereicherungen und reihte Geiz in die Reihe der Todsünden ein.

Laut der Soziologin Janine Mossuz-Lavau, Autorin von L’argent et nous (Das Geld und wir), ist der Grund für das spezielle Verhältnis der Franzosen zum Geld auch in der bäuerlichen Vergangenheit des Landes zu suchen. Sie schreibt: „Die Bauern versteckten ihr Geld um nicht bestohlen zu werden. Alles was Geld betraf wurde geheim gehalten.“ Diese Diskretion diente ebenso der Abhaltung von Neidern. Die Wissenschaftlerin ist sich zudem sicher, dass auch der Einfluss von marxschem Gedankengut seinen Beitrag zur Entstehung des heutigen Verhältnisses der Franzosen zum Geld geleistet hat.

Von Liebe und Hass

Dieses zwiespältige Verhältnis äußert sich nicht nur in dem berühmt gewordenen Ausspruch François Hollandes, der 2006 deklarierte: „Je n’aime pas les riches“ (Ich mag die Reichen nicht). Es zeigt sich auch in den für den deutschen Betrachter oft wild anmutenden Streikaufrufen der Gewerkschaften wie der CGT gegenüber dem Medef (der größten französischen Arbeitgebervereinigung), denn diese „hielten das Kapital“ und seien somit „die Feinde der Franzosen“. So analysierte der Romancier und Essayist Pascal Bruckner in einem Interview gegenüber der Wirtschaftszeitung Les Echos: „Geldhass ist der Soundtrack der französischen Gesellschaft“.

Ungleichheiten werden in Frage gestellt

Max Weber unterstreicht in seinem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, dass uns unser Verhältnis zum Geld auf eine ontologische, eine unser Sein betreffende Ebene verweist und hinterfragt die existentielle Ungleichheit, die das kapitalistische System hervorruft. Hinter der Verachtung des Geldes und des Profits kann man also eine tiefe Kritik des Kapitalismus, des Liberalismus, der Marktwirtschaft und generell eines Systems erahnen, das diese Ungleichheiten zulässt.

Ungleichheiten bei Gehältern werden in Frage gestellt

Einkommenshierarchien werden von manchen als Ungerechtigkeit wahrgenommen. Für andere sind sie eine logische Folge der Meritokratie und damit akzeptabel. Zur Frage nach der Ungleichheit der Gehälter wird oft kein rationaler Zugang gefunden, sie ruft häufig Verbitterung hervor. In einem Wohlfahrtsstaat wie Frankreich wird die Fähigkeit, Geld zu verdienen, nicht auf positive Weise anerkannt und sogar negativ wahrgenommen.

Die Chefs der Firmen des CAC 40, des Leitindex der französischen Börse, Banker und Financiers werden als Abzocker und Veruntreuer verrufen. Dass Erfolg meist die Frucht harter Arbeit ist und nicht aus dem Nichts entsteht, wird oft vergessen.

Erfolg, ein Schimpfwort?

In den englischsprachigen Ländern mit protestantischer Kultur ist das Verhältnis zum Geld hingegen ein ganz anderes. Es wird offen thematisiert und positiv bewertet. Zeit ist Geld, und beruflicher Erfolg kommt nicht von ungefähr: Leistung, Umsatz, Verdienst und Produktivität werden neu valorisiert.

In Frankreich, im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern mit protestantischer Kultur, lief die wirtschaftliche Revolution anders ab. Der Merkantilismus sowie die Rolle des Staates verliehen dem Verhältnis zum Geld eine kollektivere Dimension.

Die Rückseite des Gehalts

Wenn wir zu sagen pflegen, dass jegliche Art von Arbeit eine Bezahlung verdient, so bezieht sich das darauf, dass es sich beim Gehalt um einen Austausch handelt. Der Duden definiert „Lohn“ als „Bezahlung für geleistete Arbeit“, eine Art Tausch also.

In dieser Beziehung halten Arbeitnehmer und Arbeitgeber ein Gleichgewicht, indem sie das Geben und Nehmen bewerten, um nicht daran zu verlieren. Dennoch bleibt es nicht bei den rein vertraglich geregelten Absprachen, wenn es um das Gehalt geht.

Wie der Psychotherapeut und Coach Philippe Geffroy unterstreicht, geht es um eine viel persönlichere Verbindung. In seinem Buch Soignez vos problèmes d’argent (Kümmern Sie sich um Ihre Geldprobleme) schreibt er:

Es ist schwer, sich von einer Rolle, einer Zuständigkeit und von einem Gehalt loszumachen, die einen Status verleihen. Es ist schwierig, sich von der Verbindung zwischen dem, was wir verdienen und dem, was wir wert sind zu befreien.

Über Geld zu sprechen bedeutet auch, bewertet zu werden und sich mit anderen zu vergleichen. Es geht also auch um eine Art Vertrauenshandlung, die voraussetzt, dass man sich seines Wertes bewusst ist und nicht den Wert der abgelieferten Arbeit mit dem Wert der Person selbst verwechselt.

Diese schwammige und oft schwer zu definierende Grenze ist auch für das Unbehagen verantwortlich, das sich breit macht, wenn es darum geht, eine Gehaltserhöhung oder eine fällige Prämie einzufordern oder über eine berufliche Weiterentwicklung zu sprechen.

Bei Frauen ist dieses Gefühl häufig noch ausgeprägter als bei Männern: Es handelt sich um die Angst weniger Talent, Kompetenz oder Intelligenz bescheinigt zu bekommen und damit weniger berechtigt zu sein mehr zu verdienen. Dies geht natürlich mit der subjektiven Einschätzung der eigenen Leistung einher, bestärkt das Tabu über das Gehalt zu sprechen und verstärkt die Problematik der Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. In Frankreich verdient ein Mann im Schnitt ein Viertel mehr als eine Frau.

Eine neue Ära?

Die Konsum- und Spaßgesellschaft, die Digitalisierung von Informationen, die Wissensgesellschaft und die soziale Verunsicherung der jungen Generation zwingen Politik und Wirtschaft dazu, offener über Geld zu sprechen. Den allgemeinen Forderungen nach mehr Transparenz hält auch das französische Tabu nicht stand.

Konsum- und Spaßgesellschaft in Frankreich

Die 20- bis 30-Jährigen sprechen viel offener über Geld als noch ihre Eltern, und auch die Firmen werden dazu aufgefordert, sich dem Thema zu stellen. Dies hat dazu geführt, dass teilweise Gehaltslisten öffentlich gemacht werden oder das Angebot besteht, Gehälter regelmäßig neu zu verhandeln oder, wie im Fall von einigen Startups, gar selbst zu bestimmen.

Diese neue Transparenz hat viele Vorteile: Gesündere Praktiken, vertrauensvollere Arbeitsatmosphäre, Reduzierung des gender gap innerhalb einer Firma. Es weist alles darauf hin, dass die französischen Strukturen ihre historische und kulturelle Undurchsichtigkeit aufgeben müssen um sich der Zukunft zu öffnen.

Die neue Quellensteuerpflicht, die ISF (die französische Vermögenssteuer), das Grundeinkommen, die Richtlinien der Steuerveranlagung, ... Viele Themen heizen gerade die öffentliche Debatte an. Geldfragen emotionalisieren und die starken Reaktionen enthüllen ein unklares und gehemmtes Verhältnis.

Dort, wo andere Länder eine offene und enthemmte Haltung an den Tag legen, hegen Franzosen, durch ihre Geschichte und ihr soziokulturelles Erbe oft ein von Verlegenheit, Zweideutigkeit und Scheinheiligkeit geprägtes Verhältnis zum lieben Geld.

Doch es scheint sich ein Paradigmenwechsel anzubahnen: eine Gesellschaft auf der Sinnsuche, die althergebrachte Modelle hinterfragt und sich mit neuen Herangehensweisen an den Kapitalismus wagt. Ob man auf Profit aus ist oder in der Mäßigkeit sein Glück finden möchte - die neue Transparenz dürfte jedem die Möglichkeit geben sich neu zu positionieren.

Offener über Geld zu sprechen bedeutet vor allem, das zur Sprache zu bringen, was für einen selbst am meisten zählt: seinem Wert oder seinen Werten wieder Sinn zu geben.

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