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Babypause in Frankreich ein Tabu

Nur wenige Väter entscheiden sich in Frankreich für die Elternzeit - die Regierung will nun mehr Anreize schaffen. TEXT: MICHAEL NEUBAUER



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Sie sind in Frankreich eine Rarität: Väter in Elternzeit. Wer einen auf dem Spielplatz entdeckt, hat Glück gehabt. Denn weniger als 4 % der Väter in Frankreich unterbrechen ihre Karriere für eine Babypause. Darüber macht sich sogar der Staatspräsident Gedanken. François Hollande forderte, Väter und Mütter müssten sich die Elternzeit besser aufteilen. Frauenrechtsministerin Najat Vallaud-Belkacem will nun durch eine Reform die elternzeitmüden Männer aufwecken: Eine geplante Neuregelung des Elternurlaubs ist für die Regierung einer der wichtigsten Punkte bei ihrem Gesetzesvorhaben zur Gleichstellung von Mann und Frau.


Die Zahlen sprechen für sich: 540 000 Menschen pro Jahr nahmen bisher die Elternzeit in Anspruch - darunter sind nur 18 000 Väter. Das Ziel der Ministerin: Bis 2017 sollen 100 000 Väter für ihr Kind eine Pause machen. Bei ihren Reformplänen schaut die Regierung in Paris nach Deutschland. Denn dort entscheidet sich jeder vierte Vater dafür, für sein Kind eine gewisse Zeit aus dem Arbeitsleben auszusteigen. Über 27 % der Väter machen eine Babypause. Freilich kehren sie auch schnell wieder in den Job zurück: 77 % beziehen das Elterngeld für nur maximal zwei Monate.


„Es gibt strukturelle und kulturelle Gründe, warum französische Väter ungern in Elternzeit gehen", sagt Marie-Thérèse Letablier, Soziologin an der Universität Paris I und beim Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS). So gebe es in Frankreich kein Elterngeld wie in Deutschland oder in nordischen Ländern, das sich am bisherigen Einkommen orientiert und das als Ausgleich für den Einkommensverlust gezahlt wird. Die in Frankreich gezahlte Leistung heißt „Zulage zur freien Wahl der Tätigkeit" (Complément de libre choix d'activité). Es bekommt sie derjenige Elternteil, der seinen Job vorübergehend ganz aufgibt oder nur noch Teilzeit arbeitet. Die Zulage kann bisher höchstens 572 Euro betragen. „Diese Leistung ist gering und nicht attraktiv", sagt Letablier. Da die Männer meistens mehr verdienen als die Frauen, ist klar: Die Elternzeit ist meist eine Mutterzeit.


Anders in Deutschland. Das Elterngeld scheint für Väter ein Lockmittel zu sein, sich um Kind und Kegel zu kümmern. Geregelt ist es so: Es wird bis zu 14 Monate lang an Mütter und Väter gezahlt, die nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben. Es orientiert sich am bisherigen Einkommen und beträgt im Monat mindestens 300 Euro und höchstens 1 800 Euro. Nutzt allerdings nur einer der Partner die Elternzeit, wird die Leistung für höchstens zwölf Monate gezahlt.


Frankreichs Regierung sieht das deutsche Modell zwar als Vorbild für die eigene Reform an. Doch die Kassen sind wegen der Krise leer, Experten rechnen also nicht mit einer wesentlichen Erhöhung der bisherigen Pauschale. Geplant ist vielmehr eine andere Organisation der Elternzeit: Bisher steht Eltern eine Elternzeit von sechs Monaten (bei einem Kind) bis zu drei Jahren (bei zwei und mehr Kindern) zu. Ab Juli 2014 sollen nun folgende Regeln gelten: Bei zwei Kindern bleibt die Dauer der Elternzeit bei drei Jahren - unter der Bedingung, dass der Vater sich sechs Monate lang beteiligt. Tut er das nicht, wird die Zeit auf zweieinhalb Jahre verkürzt. Bei einem Kind dagegen wird die Elternzeit von sechs auf zwölf Monate verlängert, wenn Papa die Hälfte übernimmt. Experten sehen die Reform kritisch: „Wenn sie in dieser Form kommt, wird sich nicht viel ändern: Man verändert nicht den Kern des Problems, also einen fehlenden finanziellen Ausgleich für das verloren gegangene Gehalt", sagt Letablier.


Doch den Vätern wird es auch nicht leicht gemacht, sich für eine Auszeit zu entscheiden. Babypausen sind in manchen Unternehmen ein Tabu oder werden in Machomanier verspottet. Antoine de Gabrielli, Gründer des Vereins Mercredi-c-papa, klagt über veraltete Strukturen und Mentalitäten in der französischen Arbeitswelt. Viele Männer würden gerne Teilzeit arbeiten und ihre Arbeitszeit flexibel einteilen, um sich um ihre Kinder kümmern zu können, sagt de Gabrielli. Aber dieser Wunsch werde in Firmen meist als Zeichen von mangelndem Ehrgeiz gesehen. „In Frankreich zeigt sich das Engagement für die Firma vor allem durch Präsenz", sagt der 54-jährige Unternehmer. Die Elternzeit werfe jemanden auf der Karriereleiter oft zurück.


Auch viele Frauen gehen in Frankreich direkt nach dem Mutterschutz wieder arbeiten und verzichten auf die Elternzeit. „Es gibt in Frankreich die Tradition, sehr früh sein Kind einer dritten Person anzuvertrauen - etwa einer Haushaltshilfe oder einer Krippe", sagt die Soziologin Letablier. Das hat auch historische Gründe: Bis ins 20. Jahrhundert war es bei gut betuchten Familien üblich, Neugeborene einer Amme anzuvertrauen. Die Fremdbetreuung schon der ganz Kleinen werde auch heute noch als normal angesehen.


Natürlich ist auch in Frankreich die Rede vom neuen Mann, der sich sowohl um Karriere, als auch um Haushalt und Erziehung kümmern will. Marie-Thérèse Letablier sieht allerdings nur wenige Exemplare: „In Wirklichkeit bleiben die meisten Väter immer noch traditionellen Modellen verhaftet. Richtige Verantwortung, was die Aufteilung der Aufgaben angeht, übernehmen nur wenige."


TEXT: MICHAEL NEUBAUER