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Das Ende der Abschlusszeugnisse in Frankreich?

Das Ende der Abschlusszeugnisse in Frankreich?

Das Abschlusszeugnis einer französischen Grande École galt bisher in Wirtschaft und Politik als "Sesam öffne dich" und Startschuss für eine brillante Karriere. Die Absolventen von HEC, Sciences Po, Polytechnique und ENA werden oft blind eingestellt, da sich diese Abschlüsse eines sehr guten Rufs erfreuen. Doch langsam wird Protest laut, und neue Werte scheinen gerade den Platz althergebrachter Maßstäbe einzunehmen.

Wir entschlüsseln diese neue Tendenz gemeinsam mit Geoffroy de Lestrange, Product Marketing und Communication Director bei Cornerstone OnDemand, einem Unternehmen, das cloudbasierte Fortbildungen und Talentförderung anbietet.

Die Liebe zur Leistungsgesellschaft

In Frankreich ist der Schulabschluss nach wie vor eng mit dem Lebensstandard verbunden und das Abschlusszeugnis ist das sicherste Mittel einen Status und berufliche Mobilität zu erlangen.

Marie Duru-Bellat, Soziologieprofessorin an Sciences Po und Autorin des Buches L’Inflation scolaire, betont die symbolische Sicherheit, die damit verbunden sei:

Die modernen Länder, die die Aristokratie und Klassengesellschaft hinter sich gelassen haben, brauchen auch ein Kriterium um Arbeitsplätze zu vergeben. Dies ist der Verdienst und man vertraut dem Schulsystem diesen adäquat nachzuweisen. Es gibt eine gewisse Notwendigkeit des Diploms. Es schützt und man sagt sich: „wenn ich gut in der Schule lerne, dann werde ich einen Platz in der Gesellschaft bekommen“.

In Bezug auf Jobeinstellungen macht Geoffroy de Lestrange die gleiche Feststellung. Die Firmen wollen „kein Risiko eingehen“ und verstehen „was der Kandidat schon kann“. Ein Abschlusszeugnis stellt auch ein Mittel dar, theoretische Kenntnisse zu bewerten.

Die Kaution der Grandes Écoles und Universitäten

Das französische Bildungssystem scheint sehr stark auf die Schulbildung zu setzen und hohe Auszeichnungen zu schätzen. Der gute Ruf einiger Grandes Écoles treibt die Schüler zu einem Rennen, um das beste Abschlusszeugnis und große Namen. In den ersten Schuljahren setzt man seine gesamte Zukunft aufs Spiel, denn im Gegensatz zu Deutschland oder den skandinavischen Ländern, ist die Erwachsenenbildung in Frankreich sehr wenig präsent um eventuell später noch einmal weiterzumachen.

Der britische Journalist Peter Gumbel bestätigt in seinem Buch Elite Academy, dass „nirgendwo anders auf der Welt die Frage wo man studiert hat die Karriere so stark beeinflusst“.

Kompetenz kommt vor dem Abschluss

Die Abschlüsse haben ihren Status noch nicht verloren, doch es bewegt sich etwas. Die Arbeitswelt hat sich verändert. Wie Geoffroy de Lestrange unterstreicht:

Es lässt sich gut an Fakten festmachen. In den 50er Jahren lag die durchschnittliche Lebensdauer eines Unternehmens bei 50 Jahren, 2012 waren es noch 15 und wir werden dazu angeleitet morgen Berufe auszuüben, die es noch gar nicht gibt.

Die Arbeitswelt verändert sich so schnell, dass man nicht mehr alles nur auf den Abschluss setzen kann. Was hier am meisten zählt „ist die Kompetenzübertragung und Fähigkeiten zu lernen“.

Der Aufstieg der Soft Skills

Der Ausgangspunkt von Geoffroy de Lestranges Überlegungen ist eine Studie von IDC von 2018 über die Innovationskultur in Firmen.

Das Abschlusszeugnis ist für Personalvermittler immer weniger relevant. Die Zahlen lügen nicht: die Kompetenzen, die für eine bestimmte Stelle qualifizieren, stehen in Frankreich an erster Stelle (60%) und liegen somit weit vor der Kapazität eine Aufgabe in einem Test zu lösen (36%) oder den Bildungsanforderungen und Schulabschlüssen (32%).

Das Argument des Abschlusszeugnisses wird in Frankreich im Einstellungsprozess sogar weniger herangezogen als in anderen europäischen Ländern (41%).

Der Begriff der "Kompetenz" wird unumgänglich und soziale Kompetenzen, sogenannte Soft Skills interessieren die Personaler plötzlich enorm: sie werden, laut einer Studie von Pôle Emploi, sogar als "wichtiger als technische Fähigkeiten" bewertet. Man denkt hier beispielsweise an die Anpassungsfähigkeit, Selbstständigkeit oder den Umgang mit Konflikten.

Neue Einstellungsmethoden und -kriterien in Frankreich

Neue Einstellungsmethoden und -kriterien in Frankreich

Auch wenn die Personaler noch nicht ganz dazu bereit sind Abschlusszeugnisse ganz außen vor zu lassen, so kann man doch eine starke Verlagerung in Richtung Kompetenzen und Soft Skills beobachten.

Die Veränderungen in der Arbeitswelt sind ausschlaggebend dafür, dass nun vermehrt auf "andere Werte" gesetzt wird: die Fähigkeit sich einzuarbeiten, kulturelle Eignung, die Offenheit zum Andersdenken oder zur alternativen Problemlösung.

Um herauszufinden ob ein Kandidat diese Qualitäten in sich trägt, müssen die herkömmlichen Einstellungsverfahren überarbeitet werden. Cornerstone onDemand bietet hierfür technische Werkzeuge an, die sich auf Schlüsselqualifikationen stützen und dabei helfen, die Schwelle zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein zu überschreiten (Art des Zeugnisses, Name der Universität, Klang bestimmter Familiennamen, etc.).

Andere Personaler machen ihre Methoden durchlässiger und öffnen sich für alternative Fortbildungen und Einstellungsprozesse: Arbeitserfahrung als wichtiger Punkt, Praxisbedingungen, E-learning, Microtrainings, Recruitainement, etc.

"Der Urknall der Ausbildung"

So nennt es Arbeitsministerin Muriel Pénicaud. Die französische Regierung arbeitet gerade daran den Zugang zu allgemeiner Bildung auch nach Abschluss der Schulpflicht zu verbessern. Ziel ist es, sämtliche Berufsarten und Ausbildungen zu valorisieren. Das Reformprojekt des Ausbildungssystems der Regierung Macron scheint in eine gute Richtung zu gehen. Zwei tiefgreifenden Änderungen wurden bereits umgesetzt:

1) Das CPF (compte personnel de la formation) hat das DIF (droit individuel à la formation) ersetzt und soll vieles vereinfachen. Es soll nun in Euro verrechnet werden und nicht, wie bisher, in Arbeitsstunden und auch als App existieren, damit die Angestellten selbstständig ihre Fortbildung auswählen können und sich dabei auf Bewertungen anderer Teilnehmer sowie weitere objektive Kriterien stützen können.

2) Die neue Onlineplattform Parcoursup hat APB (Admission Post Bac) abgelöst um die Zugangsregelungen zu Universitäten zu vereinfachen. Sie soll den Studenten ermöglichen besser nach ihren Wünschen orientiert zu werden und die Anforderungen und Erwartungen der Studiengänge klar formulieren. Die Zugangsvoraussetzungen werden personalisiert (so soll das Losverfahren umgangen werden, wenn mehr Bewerber als Studienplätze vorhanden sind) und Studenten werden pädagogisch begleitet, um im ersten Unijahr die Abbruchrate zu verringern.

Geoffroy de Lestrange unterstreicht, dass diese Reformen den Wunsch der Regierung Macron bestätigen das lebenslange Lernen und Weiterbilden weiter ins Zentrum zu rücken und mehr Möglichkeiten zu schaffen. Den Zugang zu Bildung zu verbessern, heißt auch bessere Chancen und Eignung auf dem Arbeitsmarkt.

Das Abschlusszeugnis ist jedenfalls noch nicht ganz in Vergessenheit geraten. Ein Zeugnis der ENA oder Polytechnique Hochschule öffnet immer noch Türen, besonders für Stellen in verantwortungsvollen Bereichen. Es bleibt nach wie vor ein wichtiges Kriterium im Rahmen einer Einstellung, um theoretisches Wissen zu bewerten.

Dennoch wird die Praxis in der sich fortbewegenden Arbeitswelt langsam über die Theorie gestellt. Arbeitsintelligenz wird nicht mehr ausschließlich mit einem Zeugnis verbunden und die alten Barrieren am Zugang zu großen Firmen machen Platz für neue Werte: emotionale Intelligenz, Empathie, die Fähigkeit zu lernen und sich anzupassen. Die Entheiligung der Universitätsabschlüsse läuft... zu Gunsten von menschlichem Potenzial und Kapital.

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