Pariser Automobilmesse: Wege in die Zukunft

PB Pariser AutomobilmesseAuf der vom 12. bis 17. Oktober in Paris stattfindenden internationalen Automobilmesse stellen Hersteller aus aller Welt ihre neuesten Modelle und zukunftsweisende Technologien vor. Auch Deutschland und Frankreich wetteifern um Marktanteile und Zukunftstrends: Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft, doch beide Länder setzen ebenso auf Kooperation und Technologietransfer.


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Wirtschaftskrise, begrenzte Ölreserven, erneuerbare Energien und CO2-Deckelung - kaum ein Wirtschaftssektor scheint aktuell derart in Bewegung und gleichzeitig auf Zukunftskurs zu sein wie die Automobilindustrie. Auf dem globalisierten Automarkt verfolgen die Hersteller verschiedene Strategien, um die neuen Herausforderungen zu meistern und neue, globale Zukunftswege des Automobils zu entdecken. Auf dem Pariser Automobilsalon werden derzeit die letzten Neuerungen aus den Forschungslaboren, neue Serien und Technologien präsentiert.

Immer mehr setzen die nationalen Hersteller dabei auf internationale Kooperation. Für Alleingänge sind die Entwicklungskosten zu hoch, und der Markt ist zu umkämpft. Ein produktives Wechselspiel zwischen Konkurrenz und Kooperation, bei dem nicht selten die eigene Markenidentität erweitert werden muss. Das gilt besonders für die beiden wichtigsten europäischen Automärkte, Deutschland und Frankreich.

Fortschritt durch Kooperation

So haben Daimler und Renault-Nissan unlängst eine enge Zusammenarbeit in einzelnen Technologiebereichen angekündigt, bei der es um einen gezielten Austausch der jeweiligen Kernkompetenzen geht: Während der französische Konzern Drei- und Vierzylinder-Motoren nach Stuttgart-Untertürckheim liefert, baut Daimler Vier- und Sechs-Zylinder für Nissans Premiumklasse „Infi niti". Zudem soll die neue Smart-Reihe gemeinsam mit Renault entwickelt und in der „Smartville Hambach" im Elsass produziert werden. Die Mercedes-Ingenieure erhalten im Gegenzug Zugriff auf das KnowHow der Franzosen in Sachen Elektro antriebe, die später unter anderem in der A-Klasse verwendet werden sollen. Aber auch der Münchner Hersteller BMW arbeitet eng mit den französischen Nachbarn zusammen und entwickelt neue Vierzylinder-Motoren für den „Mini", die von PSA Renault-Citroën in Frankreich gebaut und für eigene Produktreihen mitgenutzt werden. Nationale Spezialisierungstendenzen spiegeln sich auch auf der Pariser Automesse: Während Peugeot-Mitsubishi beispielsweise mit dem rein elektrisch angetriebenen „iOn" an den Start geht und Citroën den „C-Zero" präsentiert, stellt Mercedes seine neue Luxus-Sportlimousinenreihe „CLS" vor. In Deutschland sei man eben bis heute skeptischer gegenüber der Elektromobilität, meint Dr. Willi Diez, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) in Geislingen. Elektroautos seien nur so sauber wie der Strom, mit dem sie fahren: Während in Frankreich der CO2-Ausstoß bei Elektroautos durch die Nutzung von Atomstrom um 80 Prozent gesenkt wird, beläuft sich die Minderung in Deutschland, wo man überwiegend auf fossile Energieträger zur Strom- produktion vertraut, nur auf 20 Prozent. Diez betont, dass der Kraftstoffverbrauch bei konventionellen Benzinmotoren durch neue Technologien bis 2020 noch um 40 Prozent gemindert werden könne und prophezeit der Weiterentwicklung des klassischen Antriebs und dem Energie-Mix gute Zukunftsperspektiven. „Auf dem Pariser Automobilsalon wird Frau Merkel von Herrn Sarkozy lernen können, wie man zukunftsorientierte Industriepolitik für die Automobilbranche betreibt", kommentiert dagegen Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Das Auto: Gebrauchsgegenstand oder Endprodukt der Ingenieurskunst?

Auch wenn die Kooperationen und der Technologietransfer zwischen deutschen und französischen Herstellern stetig zunehmen, herrschen in beiden Ländern weiterhin spezifi sche Erwartungen, Ansätze und Produktionsstrategien in der Automobilbranche. Während in Frankreich das Auto weiterhin eher als Gebrauchsgegenstand und praktisches Fortbewegungsmittel gesehen wird, zählt in Deutschland ungleich mehr das perfektionierte Endprodukt der Ingenieurskunst. Nicht umsonst ist der Markt der Nutzfahrzeuge und Kleinlaster in Frankreich mit 416.000 Neuzulassungen pro Jahr um stolze 70 Prozent größer als in Deutschland (242 000 Zulassungen). Andererseits scheint man in Frankreich insgesamt mehr auf deutsche Autos zu setzen als umgekehrt. Renault und PSA behaupten sich auf dem Neuwagenmarkt in Deutschland, wo jährlich 3,2 Millionen neue PKWs zugelassen werden, mit einem Anteil von etwa zehn Prozent (320 000 Fahrzeuge). Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Klein- und Mittelklassewagen. Deutsche Hersteller sind dagegen auf dem französischen Markt bei zwei Millionen Neuzulassungen pro Jahr immerhin mit 24 Prozent (480 000 Fahrzeuge) präsent, darunter Mittelklassewagen von Volkswagen und Fahrzeuge der Premiumklasse von Daimler, BMW und Audi.

Die deutsche Industrie erholt sich besser

Auch die Kaufkraft ist zwischen Deutschland und Frankreich unterschiedlich verteilt. Während in Deutschland dem eigenen Auto traditionell ein höherer Stellenwert beigemessen wird, besitzen zwar auch französische Familien immer mehr Autos - diese sind aber in der Regel Gebrauchtwagen. Die höhere Lebensdauer und der generelle Rückgang der gefahrenen Kilometer verstärken diesen Trend. Aber nicht nur in Frankreich stockt der Verkauf von Neuwagen, auch auf den für französische Hersteller wichtigen Märkten in Spanien und in Italien sinken die Zahlen der Neuzulassungen. Global gesehen scheint sich die deutsche Automobilindustrie, die gerade im vergangenen Jahr enorm unter der Wirtschaftskrise gelitten hat, derzeit schneller zu erholen als die französische. Während die Wirtschaftsfl aute einen weltweiten Einbruch der Absatzzahlen gerade im hochpreisigen Segment zur Folge hatte, profi tieren die Premiumhersteller jetzt umso mehr von der weltwirtschaftlichen Entspannung und vor allem von den fl orierenden Märkten in China und Nordamerika. „Frankreich ist bei den Absatzmärkten deutlich weniger global aufgestellt", meint dazu Dr. Willi Diez vom IFA. So seien die französischen Hersteller auf dem nordamerikanischen Markt so gut wie gar nicht mehr präsent und auch in China nur schwach vertreten. Zwar hätten die Franzosen einige osteuropäische Märkte erfolgreich erschlossen, allerdings entwickelten sich die Absatzzahlen in diesen Ländern nur langsam. Wem die automobile Zukunft gehört, muss sich allerdings noch zeigen: Die französische Industriepolitik unterstützte die nationale Autobranche mit einer staatlichen Investition von sechs Milliarden Euro für die Zukunftsforschung. Dagegen beschränkte man sich in Deutschland im Konjunkturpaket II auf 120 Millionen Euro für insgesamt 190 zukunftsorientierte Forschungsprojekte. Für die großzügige Abwrackprämie, die in Deutschland letztlich vor allem den Verkauf von französischen Kleinwagen ankurbelte, wurden derweil fünf Milliarden Euro Staatsgelder investiert. Trotz seines Forschungsvorprungs, gerade was die Elektromobilität angeht, scheint Frankreich bei der Erschließung globaler Absatzmärkte hinterherzuhinken - ein guter Ausgangspunkt für eine enge deutsch-französische Industriekooperation.

TEXT: CORNELIUS WÜLLENKEMPER