Harter Herbst für Frankreichs Industrie

PB Harter Herbst für Frankreichs IndustrieDie Streichung von 8000 Stellen beim Autobauer PSA Peugeot Citroën ist nur der spektakulärste Schlag in einer Serie von Sozialplänen: Zehntausende Arbeitsplätze in Frankreich gelten als bedroht. TEXT: BIRGIT HOLZER


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Dass der französische Autobauer PSA Peugeot Citroën in Problemen steckt, ahnte man. Dass es nach der Präsidentschaftswahl zu Postenstreichungen kommen könnte, befürchtete man. Denn es lag im Interesse der Regierung, etwaige Sozialpläne kriselnder Unternehmen und ihre negativen Auswirkungen auf die Arbeitslosenstatistik und die Stimmung im Land bis zum Wählervotum zurückzuhalten; diese habe entsprechend Druck ausgeübt, klagen jetzt die Sozialisten. Nach dem PSA im Februar eine Allianz mit dem US-Autobauer General Motors eingegangen war, lagen Stellenkürzungen zudem nahe, die beiden Konzernen Einsparungen bringen sollten.

Doch ihr Ausmaß erschütterte Frankreich: Insgesamt 8000 Arbeitsplätze würden gestrichen und bis 2014 das Werk in Aulnay-sous-Bois bei Paris mit mehr als 3000 Beschäftigten geschlossen, teilte das Unternehmen im Sommer mit. Als Grund nannte es einen Verlust von mehr als 800 Millionen Euro im ersten Halbjahr, verschuldet vor allem durch die europäische Schuldenkrise und einen Absatzrückgang in Europa um acht Prozent. Während PSA Peugeot Citroën vergleichsweise wenig in Wachstumsmärkte wie China exportiert, hängt es mit seinen überwiegend kleinen und mittelklassigen Wagen, die nur geringe Gewinnmargen bringen, stark von den Verkäufen vor allem in Spanien, Italien und Frankreich ab. Konzernchef Philippe Varin verwies auch auf einen Wettbewerbsnachteil durch die starke Produktion in Frankreich mit seinen hohen Arbeitskosten: Gerade der Verzicht auf Produktionsverlagerungen ins billigere Ausland bringe PSA in die Bredouille.

Die Regierung, allen voran der Minister für „produktiven Wiederaufbau", Arnaud Montebourg, kritisierte wiederum die Strategie des Konzerns. Präsident François Hollande erklärte, er akzeptiere den Sparkurs mit so vielen Job-Vernichtungen nicht. Varin versicherte, er werde alles dafür tun, dass möglichst vielen Arbeitnehmern Alternativen angeboten würden und dass die Fabrik in Aulnay-sous-Bois ein Industriestandort bleibe; immerhin hängt eine ganze Region davon ab.

Da der französische Staat anders als bei Renault nicht am PSA-Konzern beteiligt ist, sind seine Einflussmöglichkeiten allerdings begrenzt. Dennoch wollte die Regierung signalisieren, dass sie Verantwortung übernimmt und nach ihren Möglichkeiten eingreift. Ein Hilfsplan für die gesamte Branche enthielt vor allem Kaufanreize für Kunden von in Frankreich produzierten umweltfreundlichen Elektro- und Hybridautos, die zu den Stärken der französischen Autobauer gehören.

Als durchschlagende Lösung gilt dies allerdings nicht - zumal die Spar-Ankündigung von PSA nur die spektakulärste in einer ganzen Serie war, die die fortschreitende Desindustrialisierung Frankreichs illustriert. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Arbeitslosigkeit in Frankreich einen neuen Rekord seit 20 Jahren erreicht hat. Es ist längst nicht nur die französische Automobilbranche, die in der Krise steckt. Der Telekom-Sparte ergeht es ähnlich. Mit Hinweis auf den Preisdruck durch den Anbieter Free Mobile kündigte Bouygues Télécom die Entlassung von 556 Personen auf freiwilliger Basis an, der zweitgrößte französische Mobilfunk-Anbieter SFR will im Herbst die Zahl der Stellenstreichungen bekannt geben, Alcatel-Lucent plant die Einsparung von 5000 Posten weltweit. Auch die Fluggesellschaft Air France sieht einen Sparplan mit 5122 Stellenstreichungen in drei Jahren vor. Beim Geflügelhersteller Doux sind 1800 Stellen bedroht, der Pharmakonzern Sanofi-Aventis kündigte einen „Umorganisierungs-Plan" an, der laut Gewerkschaften bis zu 2000 Stellen kosten könnte. Neo Security, Petroplus, BTP und Carrefour - die schlechten Nachrichten über bevorstehende Sozialpläne reißen nicht ab. Luc Bérille, Generalsekretär der Gewerkschaft Unsa, warnt vor einer bevorstehenden „sozialen Explosion". Frankreichs Industrie und ihren Arbeitnehmern steht ein harter Herbst bevor. Und der Regierung eine echte Belastungsprobe.

Keine Scheu vor Einmischung - Industrieminister Arnaud Montebourg

Ein neues Ministeramt für „produktiven Wiederaufbau" - angesichts der Vielzahl kriselnder Unternehmen und Branchen in Frankreich klingt das nach einem wenig vergnüglichen Job. Doch Arnaud Montebourg stürzt sich voller Elan in die Aufgabe, Frankreichs Industrie wieder wettbewerbsfähiger zu machen. Der Parteilinke, der bei den sozialistischen Vorwahlen mit scharfer Globalisierungskritik und protektionistischen Ideen den dritten Platz erreichte, scheut keine Einmischungen und kritisierte PSA-Chef Philippe Varin heftig für seine Unternehmensstrategie. Hätte sich Ex- Präsident Sarkozy wohl persönlich um die industriellen Krisenherde gekümmert, lässt sein Nachfolger Hollande dem mediengewandten 49-jährigen Minister den Vortritt. Der beantragte im Kampf gegen die asiatische Konkurrenz bei der EU-Kommission die Überprüfung des EU- Freihandelsabkommens mit Südkorea. Um die Telekommunikationsbranche zu stützen und ausgelagerte Jobs nach Frankreich zurückzuholen, denkt er sogar darüber nach, von der konservativen Vorgängerregierung abgeschaffte kostenpflichtige Dienste wieder einzuführen.

TEXT: BIRGIT HOLZER