Beamte in Frankreich: Klischees auf dem Prüfstand

Beamte in Frankreich Klischees auf dem PrüfstandGehälter, Streiks, Pensionen, Entlassungen ... Alles was Sie schon immer über Beamte in Frankreich wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Jeder Beruf hat seine Vorurteile, aber die große Gruppe der Beamten ist hier wahrscheinlich an der Spitze. Mögliche Entlassungen von Beamten sorgen häufig für heftige Auseinandersetzungen in Frankreich. Doch wie genau funktioniert der öffentliche Dienst in dem Land überhaupt?

Vorurteil Nummer 1: Ein Beamter kann nicht entlassen werden

Das ist falsch. Schon immer konnten Beamte aufgrund zweier Rechtsgrundlagen entlassen werden. Einerseits könnte das Parlament ein Gesetz zur Freisetzung von Beamten und Führungskräften verabschieden, wie es schon unter anderen Regierungen geschehen ist. Das ist aber politisch nicht mehr möglich. Andererseits besteht seit 1984 die Möglichkeit einen Beamten zu entlassen, der im Zuge einer Umstrukturierung eine neugeschaffene Stelle ablehnt. Das wird dann als Fernbleiben von der Arbeit gewertet und so kann der Bedienstete seiner Ämter enthoben werden.

Vorurteil Nummer 2: Beamte sind schlecht bezahlt

Das stimmt. Insgesamt sind sie schlecht bezahlt. Wenn man die Gehälter von hohen Staatsbediensteten und denen von Führungskräften in der privaten Wirtschaft vergleicht, hat man ein Verhältnis von 1 zu 10 oder sogar 1 zu 30. Deshalb gibt es immer wieder Beamte, die ab einem gewissen Alter aus dem Staatsdienst in die freie Wirtschaft wechseln. Vergleicht man im Gegenzug die niedrigeren Gehaltsklassen, so bleibt das geringste Gehalt eines Beamten immer noch deutlich höher, als jene in der privaten Wirtschaft.

Vorurteil Nummer 3: Beamte sind arbeitsfaul

Das ist falsch. In den sogenannten aktiven Bereichen, wie bei der Polizei, der Feuerwehr oder beim Militär gibt es reduzierte Arbeitszeiten. Das hängt aber mit der Natur der Tätigkeit zusammen, die beispielsweise körperlich anstrengend sind oder verstärkt Nachtarbeit erfordert. Schon aus gesundheitlichen Gründen kann man unter diesen Bedingungen nicht 35 oder 40 Stunden pro Woche arbeiten. Was das Bild des arbeitsunwilligen Beamten angeht, so ist das insofern heute weniger aktuell, da es weniger Beamte gibt. Noch gibt es viele Führungskräfte - 60% im Staatsdienst - aber immer weniger SekretärInnen und Büroangestellte. Die Führungskräfte sind manchmal überlastet. Das Vorurteil des faulen Beamten kommt auch daher, dass die vielen rechtlichen Rahmenbedingungen Prozesse und Arbeitsabläufe oft verlangsamen. Die Probleme von Belästigung und Stress, die bei der Arbeit entstehen, entsprechen genau denen in privaten Unternehmen.

Vorurteil Nummer 4: Beamte streiken häufig

Das stimmt. Der öffentliche Sektor übertrifft den privaten sehr deutlich was die Anzahl der Streik-Stunden angeht. Aber Vorsicht! Das schließt öffentliche Unternehmen wie SNCF und
RATP mit ein, wo die Mitarbeiter keine Beamten sind. So gibt es Mischungen, aber insgesamt ist bei den Beamten die Streik-Neigung größer. Das hängt mit einer sozialen Polit- und Gewerkschaftskultur zusammen, die man im privaten Sektor so nicht hat.

Was die Sicherheit des Arbeitsplatzes angeht, hat es wohl keine entscheidende Bedeutung, dass das Streikrecht verfassungsrechtlich geschützt ist. Und seit 2000 gibt es im Streikfall eine systematische Lohnzurückhaltung im öffentlichen Sektor. Streiken ist also kein Hobby für die Beamten, sondern wirklich ein Ausdruck von Unzufriedenheit. Mehr dazu: Gewerkschaften in Frankreich und Deutschland im Vergleich

Vorurteil Nummer 5: Beamte sind dauernd krank, vor allem Lehrer und Verwaltungsmitarbeiter

Richtig und falsch. Im Bildungsbereich gibt es tatsächlich viele Krankmeldungen, allerdings handelt es sich hier auch um eine schwierige Arbeit. Übermäßig missbräuchliche Krankmeldungen sind schwer zu überprüfen, da etwa Depressionen und anderen gesundheitliche Probleme, physisch und psychisch, hier sehr oft auftreten. Wie bei der Polizei. Hier reicht schon die Anzahl der Suizide in den offiziellen Berichten als Beweis. Die Krankmeldungen der Verwaltungsmitarbeiter sind schwer zu beurteilen, da sie von einer Gemeinde zur anderen stark variieren. Auch der Umgang mit Personal ist ganz unterschiedlich. Manchmal dient das Krankfeiern der Mitarbeiter in diesem Bereich auch als Mittel, um Stress abzubauen oder Belästigungen zu entgehen.

Vorurteil Nummer 6: Die Beamten gehen sehr früh und mit sehr komfortablen Pensionen in den Ruhestand

Das ist falsch. Eine Ausnahme bildet das Militär, wo es die Möglichkeit gibt, schon mit 50 oder 55 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Insgesamt nähern sich die Beamten mit ihrem Renteneintrittsalter der Privatwirtschaft an. Was die komfortablen Pensionen angeht: Damit ist es seit einer Reform im Jahr 2003 auch vorbei. Und wenn man mit drei Vierteln eines ohnehin schon kleinen Gehalts in den Ruhestand geht, ist man nicht gerade vermögend.

Vorurteil Nummer 7: Es gibt zu viele Beamte

Das ist die große Frage! Aus Sicht des Finanzministeriums, ja! Das ist übrigens schon seit 1880 so, seit Louis Antoine Saint-Just während der Französischen Revolution davon sprach. Es gibt es keine objektive Messmethode um zu wissen, was die richtige Anzahl an Beamten ist. Laut der Weltbank hat sich in allen Ländern, die ihren öffentlichen Dienst stark ausgedünnt haben, etwa Großbritannien, Skandinavien oder Italien, die Qualität des Dienstes erheblich verschlechtert. Die einzigen beiden Länder, wo sie sich verbessert hat, sind Frankreich und Spanien, wo die Rate an Beschäftigungen im öffentlichen Sektor am höchsten ist.

Vorurteil Nummer 8: Der öffentliche Dienst lässt sich nicht reformieren

Das ist falsch. Es gibt permanent Reformen. Der Beweis: Andauernd werden neue Gesetze verabschiedet. 2005 wurde das Militär erneuert, jetzt die Arbeitsbedingungen im Staatsdienst. Insgedamt hat es in den letzten 20 Jahren erhebliche Änderungen auf juristischer und sozialer Ebene gegeben.

Weitere Informationen zu diesem Thema: Wie kann man in Frankreich im öffentlichen Dienst arbeiten?