Wie sich das Schulsystem auf die Arbeitsmethoden auswirkt: Deutschland und Frankreich im Vergleich

Schulsystem Arbeitsmethoden Deutschland und FrankreichSie arbeiten in Frankreich und wundern sich über das Verhalten Ihrer französischen Kollegen? Sie fragen sich oft, warum Ihre französischen Kollegen anders denken und handeln als Sie? Sie, als Deutscher, werden oft als eine "strukturierte, organisierte Person" abgestempelt?

Wissen Sie denn, worauf diese Reaktionen zurückzuführen sind? Sie fragen sich bestimmt auch, inwiefern der Vergleich der zwei Schulsysteme Aufschluss über die jeweiligen Arbeitsmethoden geben kann?

Jede Kultur unterscheidet sich in Ihren Werten, Ihrer Weltvorstellung, Ihren Verhaltens- und Denkweisen. Diese werden schon in den jungen Jahren jedem Einzelnen von uns durch das Bildungssystem mit auf den Weg gegeben. Jeder erlernt dort gewisse Arbeitsmethoden und -prozesse, die er im Berufsalltag wieder findet.

Im Bezug auf unseren letzten Artikel "Die erfolgreiche Integration in Frankreich", gibt Ihnen dieser Artikel konkrete Antworten über das französische Arbeits- und Denkverhalten. Wie bereits erwähnt, wird Ihnen diese Gegenüberstellung beider Kulturen die Integration in Frankreich um vieles vereinfachen.

Bestimmt wissen Sie, dass das französische Bildungssystem von Eliteschulen (Grandes Ecoles) und Universitäten geprägt ist. Allerdings haben die französischen Universitäten nicht denselben Stellenwert wie die deutschen Hochschulen. Die Grandes Ecoles bilden "Eliten" für Wirtschaft und Verwaltung aus. Der Zugang zu diesen Schulen ist sehr selektiv. Sehr bekannt ist zudem die ENA (Ecole Nationale d'Administration), eine Verwaltungshochschule, aus der mehrere bedeutende Politiker hervorgegangen sind.

In Deutschland hingegen, gibt es keine Eliteschule. Es gibt viele gute deutsche Hochschulen deutschlandweit, die allen offen stehen. Mehr zum französischen Bildungssystem können Sie auf folgenden Links lesen:

Schon im Aufbau der Bildungssysteme spiegelt sich ein wesentlicher und bedeutender Unterschied wider: der deutsche Teamgeist gegen den französischen Eigensinn

Schock der Bildungssysteme: Deutscher "Teamgeist" und französischer "Eigensinn"

Das Schulwesen ist eine wichtige Etappe im Sozialisierungsprozess der Menschen. Es bestimmt in großen Zügen das Weltbild, die Denk- und Verhaltensweise jedes Einzelnen. Oft wird man sich erst seiner eigenen Arbeits- und Denkweise bewusst, wenn man mit anderen Kulturen zusammen arbeitet. Man hinterfragt sein eigenes Verhalten, indem man es mit dem Verhalten seiner Kollegen vergleicht.

Die nachfolgende Tabelle* hebt die starken Unterschiede zwischen dem deutschen und französischen Bildungssystem hervor.

Die Deutschen lernen...
Die Franzosen lernen...
einen "Gemeinschaftsgeist" zu entwickeln
Kampfgeist zu entwickeln
Regeln zu respektieren
Regeln zu widersprechen und die Autorität zu respektieren
ihr tiefgreifendes Verständnis zu fördern
schnelle Assimilation
konstruktive Kritikfähigkeit
Kritikfähigkeit
ohne Leistungsdruck zu arbeiten
unter Druck zu arbeiten
in Etappen zu planen
ihre Ideen zu strukturieren
einen Lösungsweg zu finden
mit Alternativen zu argumentieren (es gibt immer mehrere Lösungen)
Standardisierung von Aufgaben
mit Modellen zu denken (modélisation)
durch einen ausführlichen und fundierten Vortrag zu überzeugen
mit einem brillantem Exposé zu überzeugen

© JPB Consulting : Breuer J. & de Bartha P., Deutsch-französisches Kooperationsmanagement, München, Becker, 1996, Band I

Die Franzosen identifizieren das Wesentliche eines Projekts und definieren die groben Konturen. Sie können gut mit der Unvorhersehbarkeit umgehen und Gelegenheiten ausnützen. Ihr Ziel ist es, der Elite anzugehören.
Im Gegensatz dazu betrachten die Deutschen alle Aspekte einer Aufgabe/ eines Problems, bis ins kleinste Detail, um alles makellos zu planen. Sie beherrschen die Zukunft, indem sie vorausschauend handeln, um somit "l'imprévu" zu verhindern. Sie streben nach Anerkennung.

Auch wenn dieses Verhalten oft bei den Franzosen zu erkennen ist, sollte man jedoch nicht jeden Franzosen oder Deutschen so sehen. Es handelt sich um einen kulturellen Trend, und nicht um feste Tatsachen. Es gibt sowohl Deutsche, die unter Druck arbeiten können, individuell denken und handeln, als auch Franzosen, die strukturiert arbeiten und vorausschauend handeln. Ordnen Sie bitte demnach nicht alle Franzosen und Deutsche so ein!

Zwei Arbeitswelten treffen aufeinander: das "Wir-Denken" & das "Ich-Denken"

In der untenstehenden Tabelle* erfahren Sie, wie sich das Bildungssystem konkret in der Berufswelt auswirkt.

"Gemeinschaftsgeist" / Kollektiv-Denken (Die Deutschen)
Individualismus / Ich-Denken (Die Franzosen)
"Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als ein universelles Gesetz betrachtet werden kann." (Kant)
"Je pense donc je suis." (Descartes)
man ist stolz auf den Erfolg des Teams: das "Wir" ist wichtiger als das "Ich"
man ist stolz auf seine eigenen Leistungen; man denkt an sich, seine Ideen
man denkt an das Wohlsein des Teams
man denkt an seine eigenen Interessen
ein eher "formelles Verhalten": Regeln respektieren, Strafe bei Abweichen der Regeln
ein "unformelles Verhalten": Regeln als Leitlinien respektieren. Jeder handelt so wie er will. Den Anderen imitieren wird als Mangel an Persönlichkeit und/oder Mangel an Selbstvertrauen gesehen
Streben nach Anerkennung: die Aufgaben sind gewinn- und leistungsorientiert, die Anerkennung von Vorzügen nur, wenn diese auch verdient sind
Streben nach Bewunderung: Originalität, Einmaligkeit und Vorzüge zählen zu den Erfolgs- und Statussymbolen
ein Gefühl von sozialer Verantwortung: die sozialen Interessen verwandeln sich meist in persönliche Interessen
die Familie nimmt eine wichtige Rolle im Leben ein: die Familie beschützt und gibt Sicherheit; zunächst großes Misstrauen Ausländern gegenüber
äußere Orientierung: die öffentliche Meinung ist von großer Bedeutung
individuelle Orientierung: jeder bildet sich seine eigene Meinung
Streben nach Sicherheit: die Gruppe gibt Sicherheit
Streben nach Unabhängigkeit: die Gesellschaft soll sich nicht um die Angelegenheiten jedes Einzelnen kümmern
auf den Anderen zählen können ist die Grundlage für jede Vertrauensbeziehung
Streben nach Elitismus: viele Franzosen streben dannach, zur Elite zu gehören
Materialismus: je mehr man Güter hat, desto mehr gehört man zu den höheren Sozialklassen
Hédonisme: die Freude und das Vergnügen sind sehr wichtig

© JPB Consulting : Breuer J. & de Bartha P., Deutsch-französisches Kooperationsmanagement, München, Becker, 1996, Band I

Auch hier gilt es wieder, diese Aussagen nicht zu verallgemeinern. Jeder Mensch hat seine Persönlichkeit, die er durch seinen Werdegang und seine persönlichen Erfahrungen kontinuierlich aufbaut.

Kurzum diese kulturellen Unterschiede zu kennen, ist von Vorteil und ermöglicht eine bessere Anpassung an sein ausländisches Umfeld.

In diesem Zusammenhang können Sie demnächst folgende Artikel lesen:

  • Vom Missverständnis zum Konflikt im deutsch-französischen Kontext: wie wichtig die Kommunikation im Berufsalltag ist

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  • Deutschland - Frankreich: ist das Management wirklich so verschieden?

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