Unsicherheit und fehlende Ausbildung

Unsicherheit und fehlende AusbildungZu den Integrationshilfen für behinderte Schüler gehören in Frankreich auch Schulbegleiter, so genannte AVS (Auxiliaires de Vie Scolaire). Obwohl es diese Betreuung seit vielen Jahren gibt, ist sie weder richtig anerkannt noch ins Ausbildungssystem integriert. TEXT: LARA BOURGET / ÜBERSETZUNG: NICOLA DENIS


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„Erst bei Schulanfang habe ich erfahren, dass die Kinder behindert sind. Ich stand auf einmal vor ihnen und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Man hatte mich nicht informiert. Mein Vorgänger hatte nichts hinterlassen, so dass ich auf eigene Faust zurecht kommen musste," berichtet Anne Parnoix, Schulbegleiterin in einem Collège im Departement Creuse. Diese Aussage veranschaulicht die Schwierigkeiten, mit denen das Betreuungspersonal konfrontiert ist. Hinter Sonntagsreden und der Verheißung neuer Stellen verbirgt sich eine erschreckende Wirklichkeit: Mit der so wichtigen Aufgabe, behinderten Schülern Hilfestellung zu leisten, werden Personen betraut, die dafür nicht ausgebildet sind.

Prekäre Arbeitsbedingungen

Die Tätigkeit des Schulbegleiters gibt es seit nunmehr 30 Jahren. „Allerdings waren diese Stellen immer unsicher," erklärt Guillaume Bourget, ehemaliger AVS und Verfasser einer Diplomarbeit zu diesem Thema. Die zunächst in Vereinsträgerschaft geschaffenen Stellen wurden 2003 in den öffentlichen Dienst integriert. Seitdem ist das Kontingent rasant gestiegen: Heute gibt es in Frankreich etwa 25 000 Vollzeit beschäftigte Schulbegleiter.

„Seit 2003 haben sich unsere Arbeitsbedingungen verschlechtert, da wir nicht mehr von den Vereinen unterstützt werden. Wir arbeiten völlig isoliert, meistens Teilzeit und für einen Hungerlohn," berichtet Guillaume, Vizepräsident der Union Nationale pour l'Avenir de l'Inclusion Scolaire, Sociale et Educative (Unaïsse). Da die AVS nur befristete Verträge erhalten, die nach sechsjähriger Tätigkeit nicht mehr verlängert werden dürfen, gibt es keine Kontinuität. „Unsere Kinder werden für berufliche Experimente missbraucht," beklagt sich Marie-Christine Philbert, Mutter einer am Down-Syndrom erkrankten Tochter und Vorsitzende der Fnaseph (Fédération Nationale des Associations au service des élèves présentant une situation de handicap).

Nötige Professionalisierung Anne Parnoix ist es gelungen, an einer Fortbildung über Legasthenie teilnehmen zu dürfen, damit sie ihrem Schützling Matthieu besser helfen kann: „Ich wollte diese Störung verstehen, damit ich ihm die richtige Unterstützung geben kann." In der Tat können viele AVS trotz guten Willens den Ansprüchen der Kinder oft nicht gerecht werden. Jean-Marie Barbier, Vorsitzender des APF, gibt ein Beispiel: „Ein Mädchen in der 11.Klasse brauchte Hilfe beim Mitschreiben. Der Schulbegleiter, der ihr angeboten wurde, war ein Mann mit einem Berufsschulabschluss (CAP), der früher auf dem Bau gearbeitet hatte. Das entspricht den Bedürfnissen dieser Schülerin natürlich überhaupt nicht."

Ein weiteres Problem der prekären Beschäftigungsverhältnisse

„Man kann inzwischen nicht mehr sagen, dass die Tätigkeit als AVS ein Sprungbrett für einen anderen Job darstellt," bemerkt Jean-Marie Barbier bitter. „Wir fordern die Anerkennung unserer Initiative als echten Beruf, der eine solide Ausbildung erfordert," unterstreicht Guillaume Bourget. Alle Vereine verlangen eine angemessene Begleitung mit ausgebildeten Fachkräften, die eine Bezahlung erhält, die den Aufgaben entspricht, und mit unbefristeten Verträgen abgesichert wird.
Ende September hat eine erste Besprechung zwischen der Fnaseph und dem zuständigen Ministerium stattgefunden. Bis Dezember sollten Vorkehrungen für eine bessere Betreuung der Schüler ab September 2010 getroffen werden. Marie-Christine Philberts Hoffnung klingt gedämpft: „Wir sind vorsichtig, das hat man uns schon einmal versprochen... Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, denn wir haben es satt, uns jedes Jahr aufs Neue nur provisorisch behelfen zu können!"

TEXT: LARA BOURGET / ÜBERSETZUNG: NICOLA DENIS