Staat oder Tarifpartner? Das Ringen um die Arbeitskraft in Frankreich und Deutschland

PB Arbeitskraft in Frankreich und DeutschlandDie Arbeitswelt in Frankreich und in Deutschland unterscheidet sich vor allem durch die Rolle des Staates. Hier greift er stark ein, dort regieren Arbeitgeber und Gewerkschaften. TEXT: CHRISTIAN SCHUBERT


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Diese Empfehlungen sind wohl etwas zu heiß für den Vorwahlkampf: Das regierungsnahe Expertengremium Conseil d'Analyse Economique (CAE) schlug kürzlich vor, dass Unternehmen und Gewerkschaften in Frankreich auf Betriebsebene vereinbaren können, die Gehälter zeitweise zu senken. Das französische Arbeitsrecht solle sich die Flexibilität von Deutschland zum Vorbild nehmen. In der Krise war dort das Wachstum doppelt so stark eingebrochen wie in Frankreich, doch die Beschäftigung blieb stabil, während in Frankreich zwischen dem ersten Quartal 2008 und dem zweiten Quartal 2009 500 000 Stellen verloren gingen.

Etliche deutsche Unternehmen profitierten vom staatlichen Kurzarbeitergeld in Verbindung mit Lohnsenkungen. Die deutschen Beschäftigten nahmen die Kürzungen zeitweise hin, weil sie im Gegenzug ihre Jobs garantiert bekamen. Die französische Gewerkschaft CGT hat den Vorschlag jedoch schon heftig abgelehnt.

Das käme sozialem Dumping gleich und sei nicht akzeptabel, schimpfte ein Verantwortlicher. Von der Regierung ist nicht zu hören, dass sie die Idee in nächster Zeit aufgreifen will. Die Arbeitswelt in Deutschland und in Frankreich unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Der erste Eindruck der Deutschen in Frankreich ist häufig, dass viele Franzosen morgens später zur Arbeit kommen, aber abends länger bleiben. Die Unterschiede sitzen jedoch noch viel tiefer. Während in Deutschland viele Fragen der Verantwortung der Tarifpartner überlassen bleiben, regelt der Staat in Frankreich noch die kleinsten Details. Symbol dieser permanenten Intervention ist die 35-Stunden-Woche. Ein derartig einheitliches Arbeitszeitmodell, das für alle Unternehmen im ganzen Land gleich ist, wäre in Deutschland undenkbar. Dort hat der Gesetzgeber nur eine großzügige Arbeitszeit-Obergrenze festgelegt, die konkrete Ausgestaltung aber bestimmen Arbeitgeber und Unternehmen auf Branchenebene.

In Frankreich dagegen wacht die staatliche Behörde "Inspection du travail" mit Adleraugen über die Einhaltung der 35-Stunden-Woche. Überstunden sind nur innerhalb eines bestimmten Kontingents möglich. Präsident Sarkozy hat die Überstunden zwar attraktiver gemacht, indem er für die Arbeitnehmer finanzielle Entlastungen einführte. Seither haben die Beschäftigten mehr in der Tasche, wenn sie länger arbeiten. Doch das Einheitskorsett der 35-Stunden-Woche mit ihren Überstunden-Begrenzungen hat er nicht angetastet.

Viele Franzosen haben sich an die kürzere Arbeitszeit sowie an einige zusätzliche freie Tage (RTT genannt) gewöhnt, die sie zum Ausgleich erhalten, wenn sie phasenweise länger als 35 Stunden pro Woche arbeiten. Und auch die Unternehmen laufen nicht mehr permanent gegen das mühsam eingeführte Arbeitszeitmodell Sturm, zumal sie im Gegenzug mehr Flexibilität der Arbeitnehmer in der Arbeitszeit erhielten. Vielmehr treibt die Franzosen derzeit die Frage um, wie viel sie am Monatsende auf dem Konto haben.

Die Kaufkraft der Franzosen war schon ein Kernthema im Wahlkampf 2007 - und wird es wohl auch 2012 wieder werden. Die französische Finanzministerin Christine Lagarde sorgte im vergangenen Jahr für Aufsehen, weil sie den Deutschen vorwarf, aufgrund der jahrelangen Lohnzurückhaltung nicht genügend (französische) Waren zu importieren und stattdessen nur den deutschen Export zu favorisieren. Diesen Vorwurf wiesen die Deutschen vehement zurück, weil sie sich in der Wahl ihres Wettbewerbsmodells nicht reinreden lassen wollen.

Zu den Lohnvergleichen gibt es wohl fast genauso viele Ansichten wie Ökonomen. Klar ist jedoch, dass Löhne und Gehälter in Frankreich in den vergangenen Jahren stärker gestiegen sind als in Deutschland. Damit haben viele französische Unternehmen ihren preislichen Wettbewerbsvorteil gegen die deutsche Konkurrenz verloren. Der französische Think Tank Fondation Concorde berichtete in Berufung auf Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat kürzlich, dass die Bruttokosten (plus Sozialabgaben) für eine Arbeitsstunde in der französischen Industrie zwischen 1999 und 2009 von 23,7 auf 33,20 Euro stiegen. In Deutschland wuchsen die Kosten von 25,3 auf 30,6 Euro.

Die Lohnsteigerungen in Frankreich stellen die Arbeitnehmer jedoch nicht zufrieden. Allenthalben ist von einer sinkenden Kaufkraft die Rede, da kann das staatliche Statistikamt Insee noch so oft eine Steigerung der Kaufkraft für die vergangenen Jahre ausweisen. Das Problem ist, dass die Franzosen einen Großteil ihres Lohnes in Form von Sozialabgaben wieder abführen müssen. Diese Last ist auch unter Sarkozy nicht gesunken. Während in Deutschland die Lohnsteuer sich stärker bemerkbar macht, schmälern in Frankreich vor allem die Sozialsteuer CSG und die Abgaben für Rente sowie Arbeitslosen- und Krankenversicherung den Geldbeutel. Für die Sozialabgaben gibt es oft keine Bemessungsgrenzen, worunter die Gutverdienenden leiden.

Sarkozy versucht pünktlich zum Wahlkampf, die Kaufkraft der Franzosen zu stärken, indem er die Unternehmen zwingt, immer auch den Arbeitnehmern einen Lohnzuschlag zukommen zu lassen, sobald sie die Dividende für die Aktionäre anheben. Selbst die Gewerkschaften protestieren, weil sie soviel staatlichen Eingriff ablehnen. Zu wie viel Umverteilung es dadurch kommen wird, muss sich zeigen, wenn das Gesetz in Kraft ist.

Heutzutage sind freilich viele Franzosen froh, wenn sie ihre Arbeit überhaupt behalten. Beim Thema Kündigungsschutz gibt es erhebliche Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Frankreich. Die OECD gibt der Schärfe des Kündigungsschutzes in Frankreich auf einer Skala von 0 (schwach) bis 6 (stark) die Note 3,0. Deutschland erhält 2,6. In Frankreich werden junge Leute freilich fast nur noch mit zeitlich befristeten Verträgen (contrat à durée déterminée, CDD) bei geringem Kündigungsschutz eingestellt. Die älteren Arbeitnehmer genießen dagegen den starken Kündigungsschutz der unbefristeten Arbeitsverträge (CDI). Im Januar hat das oberste Berufungsgericht Frankreichs entschieden, dass betriebsbedingte Kündigungen in einer krisengeschüttelten Tochtergesellschaft nicht möglich sind, wenn es dem Konzern insgesamt gut geht. Dies wird Kündigungen in Frankreich erschweren und damit weiter vom deutschen Recht entfernen.

TEXT: CHRISTIAN SCHUBERT