Führungskräfte für Europa mit dem deutsch-französischen Masterstudiengang MEGA

PB Deutsch-französischer Masterstudiengang MEGADer deutsch-französische Masterstudiengang MEGA bereitet Berufstätige auf die Herausforderungen ihres sich europäisierenden Arbeitsumfelds vor. TEXT: NINA DREWES


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Es ist kein gewöhnliches Klassenfoto: Eine Gruppe Erwachsener blinzelt im Innenhof des Hôtel Matignon, dem Amtssitz des französischen Premierministers, in die Märzsonne. In ihrer Mitte steht Jean-Marc Ayrault. Einen Regierungschef aus solcher Nähe zu erleben, das passiert nicht jedem Studenten. Aber die 23, die da abgelichtet werden, sind auch keine gewöhnlichen Studierenden.

Sie gehören zum siebten Jahrgang des „Master of European Governance and Administration" (MEGA), eines Studiengangs, der seit 2005 gemeinsam von der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung, der Universität Potsdam, der Humboldt-Universität, der École nationale d'administration (ENA) und der Université Paris 1 (Panthéon-Sorbonne) angeboten wird. Gerade hat in Paris ihr erstes Kursmodul „Staat und Verwaltung im Vergleich" begonnen. Ziel des zweijährigen Programms, das neben Vorträgen, Verhandlungssimulationen und Praktika auch - wie heute - Treffen mit Vertretern bedeutender Institutionen vorsieht, ist die „Weiterbildung der zukünftigen Entscheidungsträger in Europa". Sie sollen mit der deutschen, französischen und europäischen Verwaltung, der Funktionsweise der EU, europäischer Politik und mit Managementinstrumenten vertraut gemacht werden und ihre interkulturellen Kompetenzen erweitern.

Kombination aus Studium und Karriere

Im aktuellen Jahrgang, dessen Schirmherrschaft der kürzlich verstorbene deutsch-französische Diplomat und Essayist Stéphane Hessel übernommen hat, treffen die verschiedensten Profile aufeinander: vom Leiter der internationalen Abteilung der Pariser Feuerwehr über den Mitarbeiter des französischen Kulturministeriums oder der Europäischen Agentur für Flugsicherheit bis zum italienischen Angestellten der Europäischen Investmentbank. Alle stehen mitten im Berufsleben und nutzen den MEGA, um sich auf die Anforderungen ihrer sich europäisierenden Arbeitswelt vorzubereiten, ohne dafür ihre Karriere unterbrechen zu müssen. Denn dieses Jahr wird der Studiengang, der vor zehn Jahren auf Initiative von Jacques Chirac und Gerhard Schröder ins Leben gerufen wurde, erstmals berufsbegleitend angeboten.

„Ein Vollzeitstudium wäre mir neben meinem Job, der mir sehr viel bedeutet und sich ganz konkret mit den deutsch-französischen Beziehungen beschäftigt, nicht möglich gewesen", sagt Anne Funk, Referentin für Grundsatzfragen und Europainitiativen im Ministerium für Finanzen und Europa des Saarlandes. „Deshalb habe ich die Neuausrichtung zum 50. Jahrestag des Elysee-Vertrags genutzt und meine Bewerbung eingereicht."

Pragmatische Zusammenarbeit

Von den Bewerbern wird neben einem Hochschulabschluss und hervorragenden deutschen und französischen Sprachkenntnissen auch eine fünfjährige Berufserfahrung im höheren Verwaltungsdienst oder im Privatsektor verlangt. Zunächst müssen sie mit ihren Unterlagen überzeugen, dann bei einem Auswahlgespräch in Berlin oder Paris. Ein Elite-Studiengang ganz im Sinne der französischen Tradition also? Das verneint Fabrice Larat, Programmbeauftragter bei der prestigereichen ENA, der Kaderschmiede Frankreichs. „Mit dem Begriff Elite können die Deutschen nicht wirklich etwas anfangen. Unser Ziel ist es eher, spezialisierten Führungskräften das Zusammenarbeiten beizubringen. Das ist eine ganz pragmatische Vorgehensweise, die sich an Menschen richtet, die nicht unbedingt Spezialisten der deutsch-französischen Beziehungen sind."

Auch Kandidaten aus Drittländern stehen die Türen offen. Ehemalige Teilnehmer kamen zum Beispiel aus Griechenland, Albanien oder Slowenien. „Für Diplomaten, die im europäischen Bereich arbeiten, ist es wesentlich, die Funktionsweise der deutsch-französischen Beziehungen zu verstehen", sagt Fabrice Larat.

Ihre neu erworbenen Kompetenzen können die Absolventen aber nicht nur auf europäischer Ebene einsetzen. Sie würden mehr denn je auch in den nationalen Verwaltungen gebraucht, meint Thomas Gebhardt von der Universität Potsdam. „Europa ist eben nicht nur in Brüssel, sondern zunehmend auch in den Abteilungen, die vorher mit Europa gar nichts zu tun hatten. Genau dort braucht man jetzt die Leute, die das Vergleichswissen aufnehmen und einbringen."

Diese Erfahrung hat auch Lars Burkhardt gemacht. Als er sich 2006 für den MEGA bewarb, war er Rechtsdozent an einem Fortbildungszentrum der Bundeswehr in Koblenz. Nach dem Abschluss bewarb er sich erfolgreich auf einen Posten in der Rechtsabteilung des Bundesverteidigungsministeriums. Eine unmittelbare Verbindung zwischen dem Abschluss und diesem Karriereschritt sieht er zwar nicht, die erworbenen Kompetenzen konnte und kann er aber sehr wohl nutzen. Im Juni 2008 kam er in den neu aufgestellten Einsatzführungsstab, der bis letztes Jahr für die strategische Planung und Führung der Auslandseinsätze zuständig war. In der EU beriet man gerade über die Frage, ob man sich an der Pirateriebekämpfung am Horn von Afrika beteiligen solle. „Ich habe die Ressortabstimmung und die europäische Abstimmung mitgestaltet", erinnert sich Burkhardt. „Dabei war der MEGA sehr von Vorteil. Au- ßerdem war Französisch damals die einzige Verhandlungssprache - das war meine Chance." Seit einem Jahr ist Lars Burkhardt nun zuständiger Referent für Verwaltungsmodernisierung im Stab Organisation und Revision des Verteidigungsministeriums, der direkt dem deutsch-französischen Staatssekretär Stéphane Beemelmans untersteht.

Administrative Brücken

Auch Anne Funk aus dem aktuellen Jahrgang beginnt, das neue Wissen in den Beruf einzubringen. Für die saarländische Landesregierung arbeitet sie derzeit an einer Frankreichstrategie. „MEGA erlaubt es mir, entsprechende Instrumente der bürgernahen Verwaltung und des guten Regierens auf diesen spannenden Entwicklungsprozess anzuwenden", berichtet sie. Besonders der Kontakt mit den Mitstudenten, die alle verschiedene Erfahrungshorizonte aufzuweisen haben, ist für sie bereichernd. „Wir können sehr offen diskutieren und die Verwaltungspraxis auf nationaler und internationaler Ebene auch kritisch reflektieren". Für Fabrice Larat steht fest: „Der Studiengang verleiht der deutsch-französischen Zusammenarbeit Substanz. Heraus kommen Personen, die ein Netzwerk haben, europäisch denken und handeln und als administrative Brücke fungieren können. In einer schwierigen Situation reicht es oft, die richtige Telefonnummer zu wählen, um eine Lösung zu finden."

TEXT: NINA DREWES