Durchblick in Europas Energiedschungel

ParisBerlin Durchblick in Europas EnergiedschungelBei ihrem Blitzbesuch hebt die Bundeskanzlerin das deutschfranzösische Joint Venture EPEX Spot SE als Erfolgsmodell der binationalen Zusammenarbeit hervor.


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Auf dem Bildschirm im 23. Stock des Leipziger Büroturmes blitzen grüne, rote, blaue Diagrammsäulen auf. Eine Zahlenkolonne jagt die nächste, der Kaffee daneben wird im Kursfeuer kalt. Anscheinend nichts unterscheidet die Mitarbeiter der European Energy Exchange AG von jungen Brokern in Londons oder Hongkongs Wolkenkratzern. Doch keine Aktie, keine Währung wird hier gehandelt, es geht um Strom, Gas, Kohle und CO2 Emmissionsrechte: Wer braucht wie viel? Und wer bietet es wann? Das ist freie Marktwirtschaft. Das erste Halbjahr 2010 sei das bisher erfolgreichste in der zehnjährigen Firmengeschichte gewesen, sagt Hans-Bernd Menzel, der Vorstandsvorsitzende der European Energy Exchange AG (EEX).

Nach schmerzhaften Einbußen im Zuge der Wirtschaftskrise konnte im August ein verdoppeltes Vorsteuerergebnis vorgelegt werden - das EBT kletterte in der ersten Jahreshälfte 2010 von 5,7 auf 11,5 Millionen Euro. „Unsere Umsatzerlöse stiegen gleichzeitig um 28 Prozent", so Menzel. Mit demnächst knapp 100 Mitarbeitern gehört EEX in diesem Geschäft zu Europas „Top three". 2002 entstand das Unternehmen aus der Fusion von Strombörsen in Leipzig und Frankfurt. Zwei ähnliche Energiebörsen sitzen in Oslo und London: Ein junger und lukrativer Markt, angeheizt von nationalen Konzernen. In Leipzig werden die Fahrpläne für Strom und Gas aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz erstellt. Insgesamt 16 Netzbetreiber aus sieben EU-Mitgliedsländern beteiligen sich an dieser Börse. In den kommenden fünf Jahren will EEX zu „Europas führender Energiebörse aufsteigen". Die Chancen stehen gut, denn ihre Partnerschaft mit Frankreich setzt europäische Maßstäbe. Bereits 2008 haben EEX und Powernext (Paris) ihren kurzfristigen Stromhandel in die gemeinsame Tochterfirma EPEX Spot SE ausgelagert. Das binationale Joint-Venture beschäftigt rund dreißig Personen in der Pariser Zentrale, sowie vier Mitarbeiter in Leipzig.

Der Spothandel an dieser Strombörse ist kein Hexenwerk: Auf der einen Seite steht der am Folgetag (deshalb "Spot") benötigte und von Großerzeugern wie EDF oder RWE hergestellte Strom. Ihnen gegenüber stehen die Stromlieferanten und für Großkunden tätigen Händler. Alle Beteiligten sind Mitglieder der EPEX Spot SE. Bislang gibt es jedoch noch keine klaren gesetzlichen Regelungen wie im Wertpapierhandel, wo Insidergeschäfte eindeutig verboten sind. Kritiker beanstanden daher im börslichen Spothandel mit Strom eine unzureichende Überwachung. Die Auslagerung ermöglicht Powernext in Paris, sich auf den Gasmarkt zu konzentrieren, der sich rasant entwickelt. In Leipzig betreut EEX allerdings weiterhin den Terminhandel mit Strom. Am 19. August erschien die Bundeskanzlerin Angela Merkel in Begleitung des Umweltministers Norbert Röttgen und Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich bei der Leipziger Energiebörse auf einen Blitzbesuch. Per Videoschaltung sprach sie mit Jean-François Conil-Lacoste, dem Vorstandsvorsitzenden von EPEX Spot SE in Paris und lobte die deutsch-französische Zusammenarbeit. Dieser zeigte sich erfreut über das Interesse der deutschen Regierung. „Der Besuch der Kanzlerin und das Gespräch mit der EPEX Spot SE in Paris sind für uns ein Zeichen der Anerkennung der Rolle, die Strombörsen für die weitere europäische Integration spielen", so Conil-Lacoste. Die Bilanz der Bundeskanzlerin fällt ebenso positiv aus. Die EEX habe durch ihre internationalen Kooperationen, wie der deutschfranzösischen EPEX Spot SE, wichtige Energiemärkte Europas transparenter gemacht und damit „europaweit Energiegeschichte geschrieben". Es sei der Börse gelungen, einen anerkannten Richtpreis für Strom zu formulieren. Die Kanzlerin äußerte die Hoffnung, dass die EEX demnächst helfen könne, auf ähnlichem Wege den Gaspreis von der Ölpreisbindung zu entkoppeln. Den zurzeit geplanten Gasindex begrüßte Angela Merkel: „Das ist ein weiterer Schritt zu mehr Wettbewerb."

TEXT: PETER HAUFF