Diskriminierung am Arbeitsplatz in Frankreich

ParisBerlin Diskriminierung am ArbeitsplatzSoll eine Frauenquote in großen Unternehmen eingeführt werden? Sollen „ethnische Statistiken" bei Bewerbern mit Migrationshintergrund zugelassen werden?


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In Frankreich steht derzeit das Thema Diskriminierung am Arbeitsplatz in der Diskussion. Es geht um die Einführung einer Frauenquote in großen Unternehmen sowie um die Frage, ob „ethnische Statistiken" bei Bewerbern mit Migrationshintergrund zugelassen werden sollen. Die jüngsten Lösungsvorschläge reihen sich ein in die von der Regierung seit Jahren verfolgte Politik der „positiven Diskriminierung".

Bis vor drei Jahren hatte Mohammed Aldouci eine Arbeit, eine Familie und eine Perspektive. Heute ist der junge Mann algerischer Herkunft arbeitslos, geschieden und resigniert. Sein Leben hat eine tragische Wende genommen, als er beschloss, gegen seinen Arbeitgeber Klage wegen Diskriminierung einzureichen. Das Unternehmen hatte ihm, im Gegensatz zu anderen Leiharbeitern mit schlechteren Leistungen, einen unbefristeten Vertrag verweigert. Mohammed Aldouci hat den Rechtsstreit zwar vor ein paar Wochen gewonnen, aber der Preis, den er für seinen juristischen Sieg bezahlen musste, kommt einer beruflichen wie persönlichen Niederlage gleich.

Die Ablehnung des algerischstämmigen Arbeiters ist kein unbedeutender Einzelfall. Zwar stellen Unternehmen häufig Mitarbeiter unterschiedlicher Nationalitäten ein, doch in leitenden Positionen finden sich fast ausschließlich Franzosen. Arbeitnehmer mit einem Migrationshintergrund haben kaum Aufstiegschancen. Die Diskriminierung geht zum Teil direkt von den Beschäftigten aus, die unter ihren Kollegen keine Ausländer wünschen.

Das Schicksal von Mohammed Aldouci spiegelt die Realität der französischen Arbeitswelt wider. Eine Welt, in der Verwaltungsräte Altherrenclubs gleichen und Jobs nach subjektiven Präferenzen und gängigen Vorurteilen vergeben werden - oder eben nicht. Neben Senioren und Behinderten werden vor allem Frauen und Nordafrikaner benachteiligt.

Ein Bewerber mit einem arabischen Namen hat einer Studie des Observatoire des Discriminations zufolge bei gleichem Profil bis zu drei Mal geringere Chancen, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Laut Jean-François Amadieu, dem Leiter des Instituts, können sich die Jobaussichten zusätzlich verschlechtern, wenn eine Person mehrere Faktoren der Diskriminierung auf sich vereint: „Jemand, der über 50 und noch dazu übergewichtig ist, wird vermutlich stärker diskriminiert als etwa eine junge Bewerberin ausländischer Herkunft, die diesen Nachteil mit ihrer jugendlichen Frische und einem angenehmen Äußeren kompensieren kann. Dies ist allerdings statistisch nur schwer zu erfassen."

Die Regierung versucht seit Jahren die überholten Strukturen und Denkmuster in den Unternehmen aufzubrechen. So präsentierte man die Idee des anonymen Lebenslaufs, bei dem der Bewerber weder Name noch Adresse angibt. Darüber hinaus wurde ein Label für Vielfalt eingeführt, um das sich Unternehmen bewerben können, wenn sie Wert auf ein modernes und offenes Image legen. Die beiden Initiativen sind jedoch bislang auf ein verhaltenes Echo gestoßen.

Im Januar hat die Nationalversammlung nun für ein Gesetz gestimmt, das eine Frauenquote von 40% in den Verwaltungsräten von börsennotierten Unternehmen vorsieht. Der Senat muss darüber noch abstimmen, doch der Vorschlag sorgt bereits jetzt für Diskussionen. Insbesondere Organisationen, die sich für Gleichbehandlung einsetzen, kritisieren den Vorschlag, weil dadurch andere Bewerbergruppen diskriminiert würden. Auch einige Frauen sind skeptisch, da sie fürchten, sie müssten sich dann den Vorwurf gefallen lassen, nur der Quote und nicht ihrer Kompetenz wegen ausgewählt worden zu sein.

Ein weiterer Streit ist darüber entbrannt, ob ethnische Statistiken, die in Frankreich bislang verboten sind, zugelassen werden sollen. Der Vorsitzende des CRAN (Conseil Représentatif des Associations Noires), Patrick Lozès, verteidigt die Idee, da es ohnehin bereits inoffizielle und willkürliche Datenerhebungen auf ethnischer Basis gebe, wie etwa zu Gefängnisinsassen ausländischer Herkunft.

Insgesamt ist das Land sicher noch einen großen Schritt von echter Chancengleichheit entfernt, doch man muss den Franzosen zugutehalten, dass sie über das Thema immerhin diskutieren und nach Lösungen suchen. Davon können sich andere EU-Staaten eine Scheibe abschneiden.

TEXT: IRIS HARTL