Die Lehre ist in Deutschland etablierter

Die Lehre ist in Deutschland etablierterIn Deutschland ist ein Weg in den Arbeitsmarkt die berufliche Ausbildung in Form der Lehre, die es den Auszubildenden erlaubt, frühzeitig praktische Erfahrungen im Unternehmen zu machen. Auch in Frankreich sollen die Unternehmen mehr in die Ausbildung einbezogen werden. INTERVIEW: BIRGIT HOLZER


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Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen Lehre und dem französischen "apprentissage"?

In Deutschland ist die Lehre etablierter. Pro Jahr gibt es ungefähr 1,2 Millionen Neuzugänge in die berufliche Ausbildung, gegenüber insgesamt 330 000 Lehrlingen in Frankreich, die ein CAP (Certificat d'Aptitude Professionnelle) oder weitergehend mit ungefähr 600 000 jungen Franzosen ein "Bac Pro" vorbereiten, also das Abitur in einem berufsbildenden Gymnasium (Lycée professionnel). Obwohl man traditionsgemäß stärker auf theoretisches Wissen setzt und die schulische Ausbildung überwiegt, wird auch in Frankreich immer mehr Wert auf die Entwicklung professioneller Kompetenzen gelegt, die eine Eingliederung ins Unternehmen erleichtern.

Was folgt daraus für die französischen Betriebe? Es gibt einerseits einen ungedeckten Bedarf an fachlich geschultem Personal, gerade im Handwerk, andererseits aber liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 23%. Um dem abzuhelfen, gibt es von staatlicher Seite verschiedene Maßnahmen, um die Betriebe bei der Aufnahme von Auszubildenden zu unterstützen und um auch in Frankreich die duale Ausbildung zu verstärken, denn mehr als 80 % der deutschen Auszubildenden finden im Anschluss an die Lehre eine Stelle.

Dient das deutsche System in Frankreich als Vorbild?

Ja. Seit mehreren Jahren gibt es auf französischer Seite deutliche Bemühungen, die Lehre attraktiver zu machen. So soll bis 2015 ein Fünftel der Jugendlichen eine Lehre absolvieren. Eine Reihe an Maßnahmen soll auch einen Anreiz für die Unternehmen schaffen, Auszubildende einzustellen. Es werden zum Beispiel die Sozialabgaben erlassen und eine Firma mit weniger als 50 Arbeitnehmern, die einen Lehrling einstellt, erhält eine Förderung von 1800 Euro.

Wo liegen die Gründe für die Unterschiede in beiden Ländern?

In Frankreich sind die Unternehmen grundsätzlich weniger in die Lehre involviert, die zentral vom Bildungsministerium aus gesteuert wird. Sie engagieren sich wohl auch weniger stark, weil sie eine Ausbildungsabgabe zahlen müssen. In Deutschland wurde diese zwar diskutiert, aber letztlich nicht eingeführt, eben weil man einen Rückgang befürchtete. Die Unternehmen in Deutschland können das System selbst steuern, sie stellen nach Bedarf Lehrlinge ein. Doch das Hauptproblem der Lehre in Frankreich ist wohl ihr negatives Image. Eltern schicken ihre Kinder möglichst auf Elite-Hochschulen oder die Universität. Das Bac Pro wird nach wie vor mit schulischem Misserfolg verbunden.

Dass man in Deutschland mit einer Lehre beginnen und dann Unternehmenschef werden kann, ist in Frankreich leider fast undenkbar.

Gibt es Ansätze, das Image der Lehre in Frankreich zu verbessern?

Ja, durchaus. Es gibt groß angelegte Werbekampagnen in den Medien, um die sehr guten beruflichen Möglichkeiten nach Abschluss einer Lehre aufzuzeigen. Ein zweiter Ansatz ist, dass man versucht, Studium und Praxis zu verbinden, indem man immer mehr duale Studiengänge schafft und so den Mehrwert der Praxis für die spätere Karriere sichtbar macht. Dies soll in der Folge auch das Image der dualen Ausbildung verbessern.

Welche Möglichkeiten gibt es für junge Auszubildende, die länderübergreifend arbeiten wollen?

Verschiedenste Initiativen, die von der AHK unterstützt werden, fördern die Mobilität von Auszubildenden zwischen Deutschland und Frankreich, wie zum Beispiel die Deutsch-Französische Plattform für die berufliche Bildung des französischen Bildungsministeriums oder den deutsch-französischen Praktikantenstatus. Wir bieten auch, gemeinsam mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, Fortbildungen für junge Mitarbeiter kleiner und mittelständischer Betriebe an.

INTERVIEW: BIRGIT HOLZER