Der Traum von Grand Paris

Der Traum von Grand ParisDas Projekt "Grand Paris" soll die französische Hauptstadt fit für das 21. Jahrhundert machen. Doch es bestehen Zweifel, ob das Infrastrukturvorhaben überhaupt ambitioniert genug ist. In Frankreich ist seine Umsetzung schon seit Jahren umstritten. TEXT: CARL BECKER


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Halb zog sie ihn, halb sank sie hin: Auch Paris, die für viele schönste Stadt der Welt, scheint nun befallen vom Virus des Frankreichpessimismus zu sein. Vor ein paar Wochen titelte die nicht gerade für Skandalschlagzeilen bekannte Wirtschaftszeitung Le nouvel Économiste: "Paris-Île de France: Chronik eines angekündigten Abstiegs". Schon länger geistert die Parole "Paris schläft ein" durch die Gazetten, richtig wahrgenommen wurde sie bisher aber nicht. Außerdem gibt es mit dem Projekt "Grand Paris" seit Jahren schon ein Vorhaben, das die französische Hauptstadt fit für das 21.Jahrhundert machen soll. Von Nicolas Sarkozy eingeleitet, von François Hollande unter dem Namen "Le nouveau Grand Paris" weitergeführt und auf 30 Milliarden Euro aufgestockt, soll die Hauptstadtdurch dieses groß angelegte Infrastrukturvorhaben dynamischer werden. Außerdem verspricht man sich von ihm bis 2030 knapp 250 000 neue Arbeitsplätze.Kernelement ist das Infrastrukturprogramm "Grand Paris Express" mit 200 zusätzlichen Schienenkilometern und 72 neuen Bahnhöfen. Mittelfristig sollen 90% der Bewohner des Großraums Paris weniger als zwei Kilometer von einer Metrostation entfernt wohnen. Geplant ist auch eine Verwaltungsreform: So wird Anfang Januar 2016 die administrative Einheit Paris-Métropole gegründet, die außer den Pariser Kommunen auch die Départements Hauts-de-Seine, Seine- Saint-Denis und Val-de-Marne umfassen soll. Befürworter schwärmen von engeren Kooperationen und Wettbewerbsvorteilen. Kritiker befürchten, dass dem "Verwaltungsmillefeuille" so nur eine weitere Ebene hinzugefügt werde.

Paris droht die Luft auszugehen

Denn die Probleme von Paris liegen tiefer. Die Region Paris-Île de France erarbeitet als traditionelle Wirtschaftslokomotive Frankreichs rund 30 % des Sozialprodukts - doch allmählich scheint sie zu stocken. Noch ist Paris zwar unter den fünf attraktivsten internationalen Metropolen, aber seine Wachstumsrate ist seit Langem schon bescheiden. Ausländische Investoren bevorzugen zusehends London, aber auch Berlin. Von 170 nichteuropäischen Großunternehmen haben nur ganze vier - IBM, Microsoft, Lenovo und Manpower - Paris als ihren Europasitz gewählt. Selbst der Tourismus schwächelt: Von den zehn meistbesuchten Städten weltweit hat Paris seit 2010 die niedrigste Wachstumsrate.

Die Situation nehme paradoxe Züge an, meint Mario Polèse, Professor für urbane Ökonomie an der Universität von Montréal: "Nach den Gesetzen der Stadtökonomie müsste Paris als größte Stadt des europäischen Kontinents eigentlich auch die reichste sein, wird aber heute von Brüssel und Hamburg übertroffen. Die Produktivitätsgewinne des Ballungsraums werden teilweise annulliert - trotz der guten Infrastruktur und hervorragender Forschungseinrichtungen." Hinzu kommt, dass die EU-Währungsunion einen Spezialisierungs- und Konzentrationsprozess befördert, der verfestigend auf die bestehende "blue banana" wirkt - einer sich von Mittelengland über Deutschland bis nach Norditalien erstreckenden Industrieregion. Paris liegt außerhalb dieser Zone. Außerdem ist die Wirtschaft der Île-de-France auch kaum spezialisiert. Die breite Streuung des Sozialprodukts ist ein Nachteil in einer globalisierten Welt. Das hat auch die Politik erkannt und bemüht sich mit Vorhaben wie dem vom "Grand Paris", die Hauptstadt aus ihrer Wirtschaftsstarre zu reißen. Dem Konservatismus der Bevölkerung zum Trotz wurden fast 10 % der Stadtfläche neu bebaut oder verplant. Paris will so eine der führenden "smart cities" werden, in denen der effiziente Einsatz neuer Technologien zu mehr sozialer Inklusion, mehr Umweltschutz und einer höheren Lebensqualität führen soll. Der umstrittene Hochhausbau, symbolisiert von dem gläsernen Büroturm "Tour Triangle" im Pariser Süden, kommt zwar nur langsam voran.

Im November wurde das Projekt vom Conseil de Paris vorerst gestoppt. Doch rund um die Metrostation Sentier hat sich schon jetzt ein kleines Start-up-Viertel etabliert. Zudem genügt die Region höchsten Standards im Bereich der Technologieforschung. Allerdings finde dieses Wissen zu selten den Weg in die Wirtschaft, moniert Jean- Claude Prager, Abteilungsleiter bei der Société du Grand Paris: "Die mangelnde Fähigkeit des Ausbildungs- und Forschungsapparats, sich wertsteigernd auf der Unternehmensebene niederzuschlagen, macht den entscheidenden Unterschied zu London oder dem Silicon Valley aus."Daher sind Zweifel berechtigt, ob das Projekt "Grand Paris" ausreicht, um die französische Hauptstadt von Grund auf zu erneuern. Vertreter der Chambre de commerce de Paris Île-de-France (CCI) fordern seit Langem einen umfassenden Business-Plan für die Stadt: "Paris ist eine Stadt, die man gerne besucht, die leicht erreichbar ist und in der es sich angenehm leben lässt", meint Mario Polèse. Man organisiere hier Konferenzen, einen Firmensitz einzurichten sei aber etwas ganz anderes. "Der ineffiziente Pariser Immobilienmarkt stellt speziell für junge Unternehmen ein Hindernis dar", erklärt Polèse. ?

Die unstrittigen Vorteile von Paris werden so durch Kosten zunichtegemacht, die ihren Ursprung in den allgemeinen, nationalen Wettbewerbsbedingungen haben."Nicht alle stehen Paris aber so kritisch gegenüber. Lise Bourdeau-Lepage, Professorin für Geografie in Lyon, ist überzeugt: "Die breite wirtschafliche Basis und die hohe Attraktivität der Stadt stimmen optimistisch." Trotzdem stelle sich die Frage nach der Wirksamkeit des "Grand Paris". "Dabei sollte auch danach gefragt werden, ob das Verkehrsprojekt nicht zu einer verstärkten Gentrifizierung führt, also zur Verdrängung ärmerer Bevölkerungsgruppen durch Wohlhabendere", warnt Bourdeau-Lepage.