Das Bild der Industrie in Frankreich: Im Betrieb geht es nicht nur todernst zu

PB Bild der Industrie in FrankreichDie französische Elektroindustrie sucht Nachwuchs, während die Jugendarbeitslosigkeit steigt - dieses Paradoxon bekämpft Jean-Christophe Prunet mit dem Konzept „Klasse im Unternehmen". TEXT: BIRGIT HOLZER


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Weder Eric noch einer der anderen Schüler der Abschlussklasse des Collège Saint-Exupéry von Meudon, einem Städtchen südwestlich von Paris, haben je einen Fuß in ein Unternehmen gesetzt. Bis die „Woche der Industrie" kam, in der sie das Klassenzimmer gegen die Besprechungsräume des Unternehmens Rohde & Schwarz eintauschten.

Klassische Schulstunden wurden durch eine Art Erlebnisunterricht ergänzt, den nicht Lehrer hielten, sondern Techniker, Bürokauffrauen oder Ingenieure. Ihnen schauten die 15-Jährigen bei der täglichen Arbeit über die Schulter und begegneten ihnen in der Betriebskantine. Was sie am meisten überrascht hat? „Dass sich alle Kollegen untereinander duzen", sagt Eric. Das lockere Klima erstaunte ihn, wo er doch dachte, in so einem Betrieb gehe es todernst zu.

Genau hier liegt das Problem, erklärt Jean-Christophe Prunet, Chef der französischen Filiale von Rohde & Schwarz, eines deutschen Mittelstand-Unternehmens, das Elektro- und Funkgeräte, Mess- und Sicherheitstechnik herstellt: „Leider hat die Industrie ein schlechtes Image bei jungen Leuten in Frankreich. Das betrifft auch die Elektroindustrie, die doch mit Zukunftstechnologien arbeitet und Chancen auf gut bezahlte Jobs bietet." Die in Deutschland üblichen dualen Ausbildungen sind in Frankreich selten und Lehren vergleichsweise schlecht angesehen.

Ermüdend, schmutzig und gefährlich?

Eine Umfrage unter mehr als 1000 Jugendlichen in 27 französischen Schulen bestätigt das: Nur elf Prozent geben an, später in einem industriellen Beruf arbeiten zu wollen. Die Hälfte der Befragten hält diese Metiers für ermüdend, schmutzig und gefährlich. Das Nachwuchsproblem in technischen, naturwissenschaftlichen und elektronischen Branchen wächst, während mehr als ein Viertel der unter 25-Jährigen in Frankreich arbeitslos ist.

Eine paradoxe Situation, der Prunet ein Ende setzen will mit dem Konzept „Classe en entreprise" („Klasse im Unternehmen"), das Schüler mit wenig Aufwand für alle Beteiligten in einen ersten Kontakt mit mittelständischen Betrieben bringt. Unterstützt wird es unter anderem vom Verband der elektrotechnischen und elektronischen Industrie FIEEC und der Berufsvereinigung der Industrie- und Metallberufe UIMM. Inzwischen gibt es 70 Partnerschaften zwischen Schulen und Betrieben in ganz Frankreich. Innerhalb von drei Jahren haben rund 240 000 Schüler an dem Projekt teilgenommen.

„Eine Schulklasse verbringt drei Tage in einem nahe gelegenen Unternehmen und lernt die dortige Arbeit und Produktion kennen", erklärt Prunet die Idee. Der übliche Unterricht findet in einem Besprechungsraum statt. Nur eine Stunde täglich wird durch die Entdeckung der verschiedenen Tätigkeiten im Betrieb ersetzt. In Gruppen aufgeteilt beobachten die Jugendlichen einen der Beschäftigten bei der Arbeit, ob im Personalbüro oder an industriellen Maschinen. Anschließend wird besprochen, was sie gesehen haben.

Als Vorteil dieses Hineinschnupperns gilt, dass es effizient für die Jugendlichen wie auch für den Betrieb ist, der kaum in seinem täglichen Ablauf gestört wird. Weder geht viel Zeit für Vorbereitung verloren, noch wertvolle Unterrichtszeit. 25 Jugendliche zu empfangen koste rund 70 Stunden, aufgeteilt auf vier Mitarbeiter, rechnet Prunet vor: „Das ist viel vorteilhafter als bei der Aufnahme eines einzelnen Praktikanten, der rund 40 Stunden Zeit in Anspruch nimmt." Ohne das Projekt hätten die Schüler des Collège Saint-Exupéry, das in einer sozial benachteiligten Gegend liegt, kaum eine Chance, ein Technologie-Unternehmen kennenzulernen. Oft folgen auf die Schnupper-Woche Praktika - und den Fuß in einen Betrieb zu setzen, wird ganz normal.

TEXT: BIRGIT HOLZER

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